Atmen in den unteren Regionen – Ein Essay über Robert Walser

Atmen in den unteren Regionen
Soziale und politische Maximen im Werk Robert Walsers

von Klaus Baum

ZITATOR: „Stehen Sie sogleich ab von dem Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. … Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige … (Höflichkeit) hervorkehren; und das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß artiges und manierliches Betragen mich nicht kleidet.“

SPRECHER: Ein angesehener und wohlhabender Literaturkritiker, der so berühmt war, daß man im Lande glaubte, außer ihm gäbe es keinen anderen mehr, hatte den Roman eines bislang unbekannten Schriftstellers gelesen, denn Lesen war sein Beruf. Das Buch gefiel ihm, und so schrieb er dem Dichter, daß er sich gern mit ihm treffen würde. Schon wenige Tage später erhielt der Prominente diese Antwort.

ZITATOR: „Wer sich so feiner und schöner Ausdrücke bedient wie Sie, wohnt sicher … (in einer eleganten Villa im teuersten Viertel der Stadt). Ich aber bin nur Mensch auf der Straße … und in meinem eigenen Zimmer. … Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind … ein wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin arm, und alles, was ich spreche, klingt nach Ärmlichkeit. … Ich wohne in einem wüsten, alten Haus, in einer Art von Ruine. … (D)as macht mich glücklich. … Ein … gewisse(s) … (Maß) von Verwahrlosung, von Verlotterung und von Zerrissenheit muß um mich sein: sonst ist mir das Atmen eine Pein. Das Leben würde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant sein sollte. …. Warum (also) sollte ich sein, was ich nicht bin, und nicht sein, was ich bin.“

SPRECHER: Dieser Text, 1914 veröffentlicht, stammt von dem damals 35jährigen Schweizer Schriftsteller Robert Walser; dieser Text ist Programm: Schreib und Lebensprogramm.
Der Künstler charakterisiert sich selbst als einen Menschen, der es um seiner literarischen Produktion willen, die ihm so gut wie nichts einbringt, vorzieht, in ärmlichen Verhältnissen zu leben; auch innerhalb der Kunst und Kulturwelt grenzt er sich mit großer Entschiedenheit von jener Sphäre ab, in der die akademisch Gebildeten, die weltgewandten, bürgerlichen Intellektuellen zu Hause sind: die gut verdienenden Professoren der geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die eloquenten Chefredakteure der Feuilletons großer Zeitungen, die Kulturunternehmer, die Direktoren der Buchverlage, die Schriftstellerkollegen, die aus großbürgerlichen Verhältnissen stammen. Walser distanziert sich nicht von ihrer Bildung, sondern von ihrem Dünkel, den sie gleichzeitig mit dieser Bildung erworben haben; er distanziert sich von ihrer Unehrlichkeit, genauer gesagt davon, daß das erworbene Wissen nicht der Wahrhaftigkeit dient, sondern dazu benutzt wird, noch geschickter täuschen und lügen zu können.
ZITATOR: „Niemand sagt die Wahrheit (…) in den Kreisen, die in der Welt den Ton angeben. – Vielleicht ist dort ein wahres Wort schon deshalb unmöglich, weil die(se) Leute zu klug sind (…).“

SPRECHER: Der von Walser imaginierte prominente Literaturkritiker mag vielleicht seinen 1909 erschienenen Roman Jakob von Gunten gelesen und beeindruckt von der darin virtuos gehandhabten Ironie gedacht haben, diesem Meister der Sprache müsse er unbedingt begegnen. Doch Robert Walser befürchtete, was er zuvor schon mehr als einmal erlebt hatte: Daß man sich aufgrund seines Werks – oder einfach aufgrund seiner Rolle als Schriftsteller – von ihm ein falsches Bild, eine idealisierte Vorstellung gemacht habe, und daß der elegante, wohlhabende Herr entsetzt sein würde, wenn er den Dichter leibhaftig erblickte: Denn der Mensch Robert Walser glich den Protagonisten seiner Dichtung. Er war, um seine eigene Metapher zu gebrauchen, Don Quijote, der über Don Quijote schrieb. Allein das ließ ihn im Zeitalter des Wilhelminismus als Kauz, als Sonderling und Außenseiter erscheinen.
Walser lebte mit kurzen Unterbrechungen von seinem siebenundzwanzigsten bis zu seinem vierunddreißigsten Lebensjahr, also von 1905 bis 1913, in Berlin. In dieser Zeit erschienen bei Bruno Cassirer die dort verfaßten Romane Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Obwohl Walser damals in Literaturkreisen eine gewisse Aufmerksamkeit erregte und Fürsprecher gewann, wie etwa Christian Morgenstern oder Max Brod, gelang es ihm nicht, vermutlich weil sich etwas in ihm dagegen sträubte, sich in Berlin als Schriftsteller zu etablieren, und etablieren heißt, vom Schreiben leben zu können.
Der Roman Jakob von Gunten, damals kaum beachtet, aus der wirtschaftlichen Sicht des Verlegers ein Mißerfolg, gehört heute zu den Hauptwerken der europäischen Literatur. Walser hat nicht nur den Surrealismus eines Franz Kafka vorweggenommen, sondern auch den der bildenden Kunst und des Films; er antizipiert nicht nur die Literatur des Absurden, sondern auch die >Arte Povera<, welche Materialien, die gewöhnlich als ärmlich und unbedeutend abgewertet wurden, in den Stand der Kunstwürdigkeit erhob.
Im Roman Jakob von Gunten erscheint als surreal und absurd vor allem Walsers Umwertung der Werte einer bürgerlichimperialen Gesellschaft, einer Sozialstruktur, die bis heute all das ausgrenzt und an den Rand drängt, was sich ihrer Vergottung der Nützlichkeit nicht fügt. Der IchErzähler Jakob stellt die Welt auf den Kopf, das heißt, er führt ihr in einer Art negativer Spiegelung vor, was die sie beherrschenden Götzen sind: Karriere, Erfolg, Ansehen und Gewinnstreben. Walsers >alter ego<, der zwanzigjährige Jakob, will, im Unterschied zu denen, die nach Macht und Einfluß gieren, „etwas sehr Kleines und Untergeordnetes“, er will „eine kugelrunde Null im späteren Leben“ werden. Zu diesem Zwecke besucht er eine Privatschule, die junge Männer zu Dienern ausbildet: das Institut Benjamenta. „Der Unterricht“, der dort erteilt wird, „besteht hauptsächlich darin“, den Zöglingen „Geduld und Gehorsam einzuprägen, zwei Eigenschaften, die wenig oder gar keinen Erfolg versprechen“.

ZITATOR: „Seit ich hier im Institut Benjamenta bin, habe ich es bereits fertiggebracht, mir zum Rätsel zu werden. Auch mich hat eine ganz merkwürdige, vorher nie gekannte Zufriedenheit angesteckt. Ich gehorche leidlich gut, nicht so wie (mein Schulkamerad) Kraus, der es meisterlich versteht, den Befehlen Hals über Kopf dienstfertig entgegenzustürzen. In einem Punkt gleichen wir Schüler, Kraus, Schacht, Schilinski, Fuchs, der lange Peter, ich (…), uns alle, nämlich in der vollkommenen Armut und Abhängigkeit. Klein sind wir, klein bis hinunter zur Nichtswürdigkeit. (…)

SPRECHER: Eines der zentralen Unterrichtsziele besteht darin, zufrieden zu werden mit einem Dasein, das keinerlei Veränderung und Entwicklung mit Hilfe von Bildung kennt. Diesem Ziel entspricht es, sich die Sehnsucht nach einem erfüllteren, noch unbekannten, vielleicht in ferner Zukunft möglichen Leben abzugewöhnen. Im Grunde genommen geht es darum, sämtliche Menschheitsideale, die jemals ausgesprochen wurden, von der Romantik über den Idealismus bis hin zur Marxschen Vorstellung einer freien Entfaltung der Persönlichkeit, zu vergessen, zu verdrängen, ja, totalitär in sich selbst zu unterdrücken, und zwar dergestalt, daß man glücklich damit wird, so entseelt wie ein Gegenstand zu werden, um sich dann in der Gesellschaft funktional und willenlos wie ein Ding handhaben lassen zu können.
Wenn Jakob sagt, es gibt nur eine einzige Stunde, und die wiederholt sich immer aufs Neue, dann verweist er darauf, daß das Leben zur Tautologie wird, zur Wiederholung des Immergleichen. Das Institut Benjamenta erscheint – vordergründig als eine Art Enklave, als ein Reich des Wahnsinns und der Absurdität inmitten einer einigermaßen vernünftigen Welt. Doch dieser Eindruck ist in der Tat nur Schein, denn die Enklave ist die Welt selber. Walser arbeitet – ob nun mit Absicht oder absichtslos, sei dahingestellt , Walser arbeitet mit einer doppelten Inversion. Die erste Inversion besteht in der Umwertung der vorherrschenden Werte der Gesellschaft: Das Institut Benjamenta lehrt keine Inhalte, kein Begreifen von Zusammenhängen, es vermittelt kein Wissen, und eine Erziehung zur Mündigkeit steht schon gar nicht auf dem Lehrplan; eingeübt wird die Entleerung des Ichs, die gedankliche und gefühlsmäßige, das heißt eigentlich die gedanken und gefühllose Unterordnung unter Herrschaft. Mit anderen Worten: die totale Anpassung an Macht.
Die Literaturwissenschaft nennt deshalb den Jakob von Gunten gern einen AntiBildungsroman. Aber diese Klassifizierung ist unzureichend. Denn es gibt noch eine zweite Inversion, nämlich die, daß das Institut Benjamenta die wahnhaften Züge der Realität selber trägt. Robert Walser hatte aufgrund seiner familiären Situation – er hatte sieben Geschwister, einen geschäftsuntüchtigen Vater, der Frau und Kinder nur knapp ernähren konnte – Robert Walser hatte keine Gelegenheit zu einer höheren Schulbildung, geschweige denn zu einem Studium. Mit vierzehn Jahren begann er eine dreijährige Ausbildung in einer Bieler Filiale der Kantonalbank Bern. Und dort hat er die Erfahrung gemacht, daß sich das Ich inmitten einer doch recht geistlosen, stupiden, von Wiederholungen geprägten Arbeit zu langweilen beginnt, daß das Ich anfängt, sich aus dieser Monotonie hinauszuträumen. Während Ernst Bloch in seinem Hauptwerk Prinzip Hoffnung den Tagtraum positiv bewertet, weil dieser eine Distanzierung zur faktischen Welt signalisiert, wird das Tagträumen für die Logik einer auf Maximierung ausgerichteten Arbeitsproduktivität zum Störfaktor.
Sein Schulkamerad Schacht im Lehrinstitut Benjamenta, so sagt Jakob von Gunten, habe Seele, denn dieser sehne sich nach etwas „Schönem und Hohem“. Wenn aber der Seele die Sehnsucht und der Tagtraum entspringt, und beide der Optimierung des Menschen zum reibungslosen Produktionsfaktor im Wege sind, dann gehört die Seele abgeschafft. Das Institut Benjamenta ist somit – denkt man die Implikationen dieser Walserschen Allegorie weiter – das Institut Benjamenta ist der historische Vorläufer eines gewaltigen GenKonzerns, der Lebewesen produziert, Lebewesen, die dazu tauglich sind, mit dem geringsten Aufwand den größten finanziellen Ertrag zu erzielen. Das Subjekt wird da zum Rad im Getriebe, zum Rädchen, das keinen Reibungsverlust mehr erzeugen darf. Der Mensch wird Objekt eines gigantischen Dehumanisierungsprogramms.
Peter Utz, der Schweizer Literaturwissenschaftler, hat in seiner umfangreichen Studie über Robert Walsers „Jetztzeitstil“ herausgearbeitet, daß Walser mit offenen Sinnen die Probleme seiner Zeit wahrgenommen und sich an ihren Diskursen beteiligt hat: So unter anderem an einer Debatte über Nietzsches Vorstellung >einer Umwertung der Werte<. Doch der Begriff der Umwertung ist im Zusammenhang der Walserschen Inversionen mißverständlich: Umwertung hat einen negativen Beiklang, Umwertung suggeriert, daß die Werte einer Gesellschaft, die an sich positiv sind, von einem philosophischen Bösewicht oder einem dichtenden Spötter verunglimpft werden. Nietzsches Formel vom >Tod Gottes< klingt in einer christlich orientierten Gesellschaft nach materialistischem Teufelskult.
Statt von Umwertung müßte man im Sinne Walsers treffender von Richtigstellung sprechen, davon, daß Menschen dazu neigen, ihr falsches Verhalten in positives zu verkehren: Man redet sich ein, daß das Böse, das man tut, das Gute sei. Was sich im Leben der Individuen tagtäglich vollzieht, gilt noch krasser für die Ideologien der Mächtigen. So hat zum Beispiel die DDRRegierung ihren Staat einen Arbeiter und Bauernstaat genannt, hat damit suggeriert, es handele sich um einen Staat, der endlich einmal von denen regiert wird, die bis dato in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten angesiedelt waren, von den Arbeitern und Bauern. Hans Magnus Enzensberger hat zu Beginn der sechziger Jahre in seiner BüchnerPreisRede eine Richtigstellung so formuliert: Die DDR sei kein Arbeiter und Bauernstaat, sondern ein Staat über Arbeiter und Bauern! Enzensberger hat deutlich gemacht, daß die politische Realität der DDR genau das Gegenteil von dem war, was die offizielle Sprachregelung den Menschen einreden wollte. Vergleichbar geht es auch Robert Walser um Richtigstellungen: Seine Dichtung ist ein Protest gegen jene Kreise, die den Ton angeben, also dagegen, daß allein die Durchsetzungsstarken die Bedeutung, die moralische Wertigkeit der Begriffe festlegen; Walser protestiert gegen Vorurteile, gegen beschränkte Weltbilder, gegen die Selbstzufriedenheit im Denken, einem Denken, das alles, was von seinen Fixierungen abweicht, arrogant und hochnäsig abqualifiziert und ausgrenzt. Walsers Hüte, denen er die Ränder abschneidet, um sich ein verwegeneres Aussehen zu verleihen, sind ein Protest gegen die Bügelfalte im Hirn, gegen die Gleichsetzung von Humanismus und polierten Schuhen. Walsers Leben ist ein SichzurWehrSetzen gegen Verhärtungen und Kaltherzigkeit; er wird zum liebevollen Anwalt des Lebendigen, das sich im scheinbar Bedeutungslosen findet: Der Schäfer, Die Schneiderin, Das Kätzchen, Das Lachen, Die Verlassene, Der arme Mann, Die Arbeiter – das sind nur einige Titel seiner Prosastücke.
Walser war der Auffassung, daß Literatur nicht dadurch groß wird, daß sie von bedeutenden Menschen oder von bedeutenden Dingen handelt: Er schrieb lieber über einen alten Nagel in der Wand, reflektierte lieber über das Wesen der Asche als über die Symbole des technischen Fortschritts, mit denen seine Zeit sich identifizierte.
Dieser Hinwendung zum üblicherweise Übergangenen ist Walsers Plädoyer für einen Humanismus, der frei davon ist, die Menschen zu verdinglichen. Eines der Postulate Walsers könnte lauten: Du sollst dir kein Bildnis machen. Und in diesem Sinne formulierte er, auf sich selbst bezogen:

ZITATOR: „Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich.“

SPRECHER: Das irrige Bild, das man sich von Walser trotz alledem gemacht hat, besagt, er sei ein unpolitischer Schriftsteller gewesen. Zwar war Robert Walser nicht in dem Sinne gesellschaftskritisch wie Heinrich Mann oder Brecht, aber seine Prosa und seine Briefe enthalten vielfältig politische Reflexionen, die zumeist übergangen werden.
In Walsers Roman Jakob von Gunten steht das Institut Benjamenta als Gleichnis für eine wahnhafte gesellschaftliche Realität. Walser hat jedoch nicht nur in Gleichnissen und Allegorien gesprochen. Sieht man einmal von dem realistischsten seiner Romane ab, dem Gehülfen, in dem er die Geschichte eines erfolglosen Ingenieurs erzählt, der vergeblich versucht, seine Erfindungen zu vermarkten und der unaufhaltsam in den Konkurs treibt, sieht man also einmal vom Gehülfen ab, so lassen sich viele Stellen bei Walser finden, in denen er sich deutlich zum Zeitgeschehen äußert, und zwar so, daß man den Eindruck hat, er könnte es gerade heute erst gesagt haben.

ZITATOR: „Es (ist) … in der Welt … so weit gekommen, daß die Nation, die am meisten Profit macht(…), als die erste g(i)lt, und die Staatsoberhäupter soll(…)en nur noch die Rolle von Geschäftsführern spielen. (…) Die schamlosesten Profitmacher regier(…)en“, und die Länder, „so sehr auch der Handel gedeihen mag“, gleichen immer mehr einer „Wüste“.

SPRECHER: Diese Diagnose der „Jetztzeit“ findet sich in ähnlicher Form in dem 1996 erschienenen Buch Die Globalisierungsfalle, in dem HansPeter Martin und Harald Schumann unter anderem die Auswirkungen der weltweiten Macht der großen Konzerne auf die Politik analysieren. Die beiden Autoren stellen fest, daß die führenden Politiker der sogenannten westlichen Welt zu abhängigen Größen der Wirtschaft geworden sind, eben zu Geschäftsführern, die das neoliberalistische Vokabular galvanisieren mit der Aura des Fortschritts: Die durch die entfesselte Profitgier bewirkte Entsolidarisierung der Gesellschaft nennt man Strukturreform, der Rückfall in frühkapitalistische Ausbeutermentalität wird zur „New Economy“; die Unterwerfung der abhängig Beschäftigten unter die Arbeitgeberwillkür heißt neudeutsch Flexibilisierung und der Wunsch der Politik, soziale Sicherungssysteme aufzulösen, verbirgt sich hinter der Forderung der Parteien und des Staates an den Einzelnen nach mehr Eigenverantwortung.
Der sprachlichen Schönfärberei entspricht die optische: In der Repräsentationsarchitektur der Banken, der internationalen Konzerne und der Parteizentralen, in der Inszenierung von Weltausstellungen und Weltfestspielen, wie etwa der Olympiade. Walsers Behauptung, die Länder glichen immer mehr einer Wüste, scheint aus makroskopischer Sicht falsch zu sein. Doch blickt man in die Risse des großzügig zur Schau gestellten Luxus, dann wird ein anderes Bild der Realität sichtbar. In der Olympiastadt 2000 etwa, in Sydney, wuchs die Zahl der Obdachlosen auf zirka 40.000 Menschen an. Ursache dafür waren zum einen die rasant gestiegenen Immobilienpreise, und zum anderen, daß im Rahmen der Olympiavorbereitungen in Sydney BilligWohnungen abgerissen wurden, ohne Ersatz dafür zu schaffen.
Doch man muß nicht zu den Antipoden schweifen, um die Anzeichen der gesellschaftlichen Verwahrlosung deutlich zu sehen: die hohe Zahl der Arbeitslosen hierzulande, die steigenden Schülerzahlen in den Klassen, der Vandalismus in den Schulen, die Schließung von Jugendhäusern und Bibliotheken, die wachsende Kriminalität, und vor allem die ansteigende Zahl gewalttätiger Neonazis: Mord und Totschlag, Brand und Bombenanschläge gehören mittlerweile zum deutschen Alltag.

ZITATOR: „Alles dreht sich heute um Wirtschaftlichkeit (….). Wirtschaftsfragen sind (…) in einem geradezu krankhaften Maß in den Vordergrund des Lebens getreten.“

SPRECHER: Das schrieb Robert Walser 1927 in einem Brief aus Bern an die mit ihm befreundete Frieda Mermet. Und es gehört zum Zynismus des neuen Jahrtausends, daß wirtschaftlich Verantwortliche erst dann ihre Bedenken über die Neonazis kundtun, wenn diese Ausländer angreifen und damit ausländische Experten, derer man bedarf, abschrecken, nach Deutschland zu kommen: Nicht der Humanismus motiviert den Einspruch, sondern man formuliert Bedenken, weil der Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet ist.
Walser schrieb in seinem Prosastück Pauli und Fluri:

ZITATOR: „Wenn sie einen armen Wehrlosen sehen, müssen sie über ihn herfallen; wenn sie einen Schwachen (…) sehen, müssen sie ihn peinigen.“

SPRECHER: Gemeint hatte Walser jedoch nicht Obdachlose, sondern jene Vertrauensseligen und Menschenfreundlichen, die es nicht gelernt haben, ihre Empfindsamkeit und ihre stark ausgeprägten empathischen Fähigkeiten hinter einer Maske der Abgebrühtheit und Härte zu verbergen. Und die Peiniger, von denen Walser spricht, sind keine Skinheads, sondern Gebildete und Wohlhabende seiner Zeit. Es sind, so Walser: „(die Dünkelhaften und Herablassenden, die) einen Schwachen (…) noch mehr schwächen (…) und ihm alles Vertrauen zu sich selber rauben“:

ZITATOR: (Ich sah, wie sie ihn quälten), „und ich sah noch mehr als das. Es war (…) ein marternder Anblick (…). Die ganze Abscheulichkeit und Grausamkeit der Menschen, dieser Bestien im Kleide der Gebildetheit, lag (…) vor meinen Augen. Wo ein(er) eine Schwäche, einen Mangel, eine Armut zeigte, weidet sich sogleich ein Rudel Unmenschen an des Mitmenschen Blöße. (…) Ich mußte mit ansehen, wie die bösartige Sippschaft, genannt zivilisierte Menschen (…), (den Wehrlosen) stichelte und quälte(;) und er (…) meinte in seiner Verblendung und Vertrauensseligkeit, in seiner Menschenfreundlichkeit und weichen, schrankenlosen Güte, daß die Qual, die er litt, von ganz woanders herkomme, als von denen, die er edel, fein und rechtschaffen glaubte. (…) (E)r meinte, er befinde sich im Freundeskreis, wo er (doch) umzingelt war von ausgemachten Schurken (…); (er) meinte (da), wo sie alle nur sein Verderben, sein Unglück und seinen Untergang in den Augen hatten, (daß) sie ihn zu fördern und aufzumuntern wünschten. Wo sie ihm schmeichelten, da versetzten sie ihm zugleich hinterrücks Hiebe, und wo sie taten, als versuchten sie ihn zu unterstützen, fügten sie ihm auf heimtückische Art Verletzung über Verletzung bei. (…) Es sah aus, als haßten sie ihn besonders darum mit so grimmigen Haß, weil sie ihn so gut, so arglos, so harmlos sahen. Weil er sie liebte, peinigten sie ihn; weil er sich ihnen so offen anvertraute, versetzten sie ihm Stiche“.

SPRECHER: Dieser Gutgläubige und Arglose wird von Walser >Pauli< genannt. Pauli lebt in ärmlichen Verhältnissen, und deshalb glauben die Etablierten, die sich auf ihre Kultiviertheit etwas einbilden, sie könnten Pauli von oben herab behandeln.
Kontrapunktisch zu Pauli setzt Walser die Figur des „reichen und mächtigen Fluri“, dem er als IchErzähler einen Besuch abstattet:

ZITATOR: „Reicher Leute prachstrotzende Häuser zu betreten, verursacht von vornherein ein gelindes Unbehagen, eine Art mildes Entsetzen. Ich vermochte einen gewissen Greuel nicht zu unterdrücken und nicht gänzlich Herr über einen mir aus der Brust emporsteigenden stillen Zorn zu werden, als ich an Fluris elegante Tür klopfte. Das Treppenhaus war von ausgesuchter Pracht. In den Vorzimmern (…) liefen geschäftige Bediente (…) hin und her. (…) Ein Beben, ein Verzagen, ein Zittern und zugleich eine seltsame, unweigerliche sittliche Entrüstung erfaßt (m)ich im tiefsten Herzen, wenn (…) (ich) sehe, mit was für einem sinnverwirrenden Pomp sich die Mächtigen umgeben, um von Beginn an alles Gerechtigkeitsgefühl zu dämpfen und allen natürlichen Menschenstolz niederzuschlagen. Beängstigend sind die Gebärden sowohl als die Dekorationen der Reichen. (…) Die Großen sind ja nicht durch sich selbst groß, sondern durch die andern, durch all(…) die, denen es ein Entzücken bereitet, sie als groß zu erklären. Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese eine überragende Ehre und Würde. Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht diese auf einem Punkt aufgehäufte Summe von Größe und durch vieler Leute Verzicht auf Macht diese gewaltige Macht. Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener ist der Herr nicht möglich. Wenn man (den verwöhnten und bedeutenden Leuten) nicht schmeichelt bis zur Geschmacklosigkeit, ist man ihr Feind.“

SPRECHER: Als der IchErzähler in Walsers Pauli und Fluri das Haus des Reichen wieder verlassen hat, als er durch eine der sehr belebten Straßen der Hauptstadt geht, interpretiert er das ungleiche Verhalten der Menschen dem Armen und dem Reichen gegenüber:

ZITATOR: „Das Edle und Gute schlagen sie, weil sie fühlen, daß nicht sie es machen. Weil es aus dem Himmel kommt und in den Himmel strebt, wollen sie es ausrotten. Dagegen dienen sie dem Groben, dem Grausamen, dem Lieblosen, dem Unedlen, weil sie wohl fühlen, daß sie das gemacht haben. Dem reichen und mächtigen Fluri huldigen sie, weil sie ihn zu dem, was er ist, gemacht haben. Er ist ihr Werk. Sie lieben in ihm sich selber. Sie hassen, schlagen und verfolgen Pauli, der arm ist, aber sich selbst genügt. Wer sie zu Sklaven macht, den lieben sie; wer gut zu ihnen ist, den hassen sie. Sie lieben, ehren und preisen das Böse. Wer ihnen freien Willen läßt, an dem lassen sie ihre Wut aus.“

SPRECHER: Robert Walser leistet mit dieser Kritik am Verhalten der intellektuellen und finanziellen Oberschicht zwar keine hinreichende ökonomische Analyse, denn Vermögen erwirbt man nicht allein dadurch, daß man von anderen für bedeutend erklärt wird; aber er beschreibt im Rahmen seiner Kritik sehr zutreffend, wodurch etwa Schriftsteller und Künstler zu Ruhm und Ansehen gelangen, ja, wodurch sie überhaupt für Künstler und Schriftsteller gehalten werden. Und ähnliches gilt für die Politik: Mächtig wird ein Staatsmann oder gar ein Diktator nicht durch sich selbst, sondern durch die, die ihm Machtbefugnisse übertragen. Ohne die zahllosen willigen Helfer hätte kein Hitler, Himmler oder Heydrich seine totalitäre Herrschaft ausüben können.
Mit Fluri, dem Reichen, den er beschreibt, könnte Robert Walser Walther Rathenau gemeint haben. Walser hatte in seiner Berliner Zeit, zwischen 1906 und 1913, Kontakt zu dem Sohn des Gründers der AEG. Rathenaus Biographie bildet gleichsam einen Kontrapunkt zu der von Walser: Dessen Vater war ökonomisch gesehen ein Verlierer, Rathenaus Vater ein Gewinner. Der Dichter wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, der Industriellensohn im Luxus.
Walther Rathenau hatte im Jahre 1908 ein Jahreseinkommen von 200.000. Mark, das im Jahre 1910 bereits auf die enorme Summe von 300.000. Mark angestiegen war. Rathenau kaufte 1909 das Schloß Freienwalde, „das ehedem der Königin Luise gehörte“, und er ließ sich 1910 eine repräsentative Villa im Landhausstil in BerlinGrunewald bauen. Robert Walsers Bruder Karl, der in jener Zeit in der Berliner HighSociety als Maler bereits zu Ansehen und zu lukrativen Aufträgen gekommen war, gestaltete in Rathenaus Grunewaldvilla den Vorsaal im ersten Stock. Die Bezeichnung >Vorsaal< stammt von Rathenau selbst.
Man muß hier fragend innehalten: >Vorsaal<? Waren da vielleicht noch andere Säle? Wohnen die normal Sterblichen nicht vielmehr in Zimmern, und wohnten die Bediensteten in den Jugendstilwohnungen jener Jahre in Berlin und anderswo nicht in winzigen Kammern?
Rathenau, der sich auch als Sozialphilosoph betätigte, kritisierte in seinen Schriften die Auswüchse des Kapitalismus. Ist solche Kritik aber glaubhaft von einem, der in Prunk und Überfluß lebt? Ist er von der Erfahrung der Realität nicht schon durch seinen >Vorsaal< zu weit entfernt, einer Realität, die ihre subtilen Demütigungen und ihre Härte nur dem offenbart, der sie aus der Froschperspektive erlebt. Auf dieser Perspektive von unten aber hat Robert Walser mit unbeugsamer Konsequenz bestanden. Die Literatur über ihn ist deshalb nicht selten von einem Grundton durchzogen, der ein wenig nach Vorwurf klingt, so, als hätte Walser die Chancen, die sich ihm in seiner Jugend eröffneten, nur zu nutzen brauchen, und hätte er diese genutzt, wäre ihm ein Leben in ungeheizten Dachkammern erspart geblieben. Eine dieser Chancen sei gewesen, eine Stelle auf Samoa anzunehmen, die Walther Rathenau ihm habe verschaffen wollen. Walser hat dieses Angebot abgelehnt, verrät es doch ein tiefgehendes Unverständnis im Hinblick auf das Wesen der Kunst, im Hinblick auf das, wodurch ein Kunstwerk Substanz gewinnt. Eine der substanzbildenden Komponenten für ihn als Schriftsteller ist die Erfahrung von Leid: Leiden bildet eine Art Schwerkraft, die den Widerstandswillen der Seele reizt. Erst die Verarbeitung des Bedrückenden im künstlerischen Prozeß verleiht einem Werk Kontur, Relief und Tiefe. Man könnte geneigt sein, darauf zu erwidern: Aber Gauguin! Reiste der nicht freiwillig nach FranzösischPolynesien, nach Tahiti und auf die MarquesasInseln, abgestoßen von der westlichen Zivilisation. Hat nicht Gauguin gerade dadurch Bilder geschaffen, die von großer Bedeutung für die Kunst der Moderne geworden sind?
Zweifelsohne! Aber für jeden Künstler gilt ein anderes Gesetz, das er in sich spürt und dem er instinktiv zu folgen hat. Walsers Gesetz war, wie er selbst sagte, das Leben „in den unteren Regionen“ der Gesellschaft, jenem Ort der Grausamkeiten von Menschen, die sich für Zivilisierte halten und die ihre Unmenschlichkeit mit Vorliebe an solchen demonstrieren, die sie für unbedeutend erachten.
Mag sein, daß jenes SamoaAngebot Rathenaus nur ein Gerücht ist, aber von anderer Seite ist Robert Walser Ähnliches offeriert worden: Der Verleger Bruno Cassirer soll ihm einen Scheck für eine mehrmonatige Indienreise überreicht haben, und Samuel Fischer wollte ihn wegen einer Reportage für seinen Verlag nach Polen und in die Türkei schicken. Walser sollte sich ein Beispiel nehmen an dem Erfolgsschriftsteller Bernhard Kellermann, dessen Bücher Ein Spaziergang in Japan und Sassa yo Yassa. Japanische Tänze, erschienen 1910 und 1911, sich damals sehr gut verkauften.
Walser aber hielt die Reiseschriftstellerei in künstlerischer Hinsicht für unergiebig:

ZITATOR: „Man darf die Flucht nicht in eine solche Ferne (…) (antreten), da es sonst leicht passieren könnte, daß man die Fühlung verlöre mit allem, was noch an Kunst und künstlerisches Leben fesselt. Außerdem ist es gerade so schön, nichts zu sein, es hat eine höhere Glut, als Etwas zu sein. (…) Ich würde es für ein tieferes Erlebnis halten, ins Zuchthaus zu kommen, aber das dürfte eigentlich sehr töricht geredet sein.“

SPRECHER: Walser geht es um Fühlung zur Realität, um die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Aus der Perspektive des Besuchers, des Touristen taucht man nur oberflächlich in das Wesen oder Unwesen der Lebenszusammenhänge ein. Die menschliche Natur mit all ihren Schattenseiten zeigt sich einem dann schon eher im Zuchthaus; ein Satz, der ja auf beklemmende Weise in Hans Falladas Roman Der Trinker bestätigt wird. Fühlung zur Realität bedeutet, daß nur die intensiv erlebte Wirklichkeit – bis hin zum äußersten dessen, was ein Mensch aushalten kann , daß nur die Erfahrung von Ohnmacht, wie etwa bei Cesare Pavese, nachhaltige Spuren in der Seele hinterläßt. Die Worte und Bilder, die ein Dichter benötigt, um seinem Werk Authentizität zu verleihen, diese Worte und Bilder findet er nur in sich selbst. Er übersetzt Spuren, die das Leben in ihm aufzeichnet oder ihm gar einprägt, in Sprache.
Walsers Entscheidung für eine ärmliche Lebensführung hat ihm jene Grenzerfahrungen zugetragen, die er für seine Dichtung benötigte; aber er hat auch dafür bezahlen müssen, und zwar mit tiefer Resignation gegenüber der bleiernen Schwerkraft der Lieblosigkeiten, der Herrschsucht und der Gewinnbegierde, gegenüber der Mißgunst, der Feindschaft unter den Menschen, der üblen Nachrede und der Gehässigkeiten. Diese Charakteristika der Bestie Mensch finden sich alle in Walsers Werk.
Und er hat persönlich noch einen viel höheren Preis zahlen müssen: Im Jahre 1929, im Alter von fünfzig Jahren, wurde Robert Walser mit der höchst fragwürdigen und heute als falsch erachteten Diagnose >Schizophrenie< in die Berner Heilanstalt Waldau eingewiesen. Von dort wurde er vier Jahre später in die Heil und Pflegeanstalt Herisau >verbracht<, wo er auch im Dezember 1956 starb. Der Dichter wäre für diese siebenundzwanzig Jahre seines restlichen Lebens vermutlich gänzlich verstummt, hätte nicht der vermögende Zürcher Journalist und Schriftsteller Carl Seelig 1936 begonnen, Walser in Herisau zu besuchen und mit ihm gemeinsam zu wandern: Spaziergänge und Wanderungen liebte Walser sein Leben lang.
Äußerungen Walsers während der Anstaltszeit sind, bis auf wenige Briefe, nur in Form der Gespräche erhalten, die Carl Seelig mit ihm führte und aufgezeichnet hat. So auch diese Selbsteinschätzung Robert Walsers:

ZITATOR: „In meiner Umgebung hat es immer Komplotte gegeben, um Ungeziefer wie mich abzuwehren. Vornehmhochmütig wurde immer alles abgewehrt, was nicht in die eigene Welt paßte. Mich (in die Welt der Herablassenden) hineinzudrängen, habe ich mich nie getraut. Ich hätte nicht einmal die Courage gehabt, hineinzublinzeln. So habe ich mein eigenes Leben gelebt, an der Peripherie der bürgerlichen Existenzen, und war es nicht gut so? Hat meine Welt nicht auch das Recht, zu existieren, obwohl es eine ärmere, machtlose Welt ist?“

SPRECHER: Walser sagte dies 1941. Da war er 63 Jahre alt. Liest man seine Romane und Prosatexte, die bis 1913 erschienen sind, gewinnt man den Eindruck, daß vieles, was Walser bis zu seinem vierten Jahrzehnt geschrieben hat, den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung besitzt: Die Armut und die Selbstbescheidung, die er unentwegt pries, die gesellschaftliche Geringschätzung, der er in seiner Jugend noch mit grandioser, überschäumender Ironie begegnet ist, haben ihn am Ende eingeholt.
Die Ironie, die ihm einst als Mittel der inneren Distanzierung vom äußeren Leid diente, ist jedoch weit weniger da zu finden, wo Walser als Privatperson in Erscheinung tritt: in seinen Briefen. Dort nimmt im Laufe der Jahrzehnte der Ton der Verbitterung zu, einer Verbitterung, die wohl hauptsächlich daher rührt, daß immer weniger Texte von ihm veröffentlicht wurden. Robert Walser spricht von „einer Baisse (s)einer ProsaAktien“. So wie der Stein vom steten Tropfen ausgehöhlt wird, so wird Walsers Widerstandskraft von der anhaltenden Verkennung seiner Person und seines Werks zermürbt. Ablehnungen und Zurückweisungen erzeugen ein negatives Selbstwertgefühl, das sich mit der Zeit verselbständigt: es manifestiert sich als Paranoia. Daß Walser sogar anfängt, Stimmen zu hören, verweist darauf, wie einsam er sich gefühlt haben muß. In der Literatur über ihn findet sich öfter unterschwellig der Vorwurf, Walser habe seine Mittellosigkeit selbst verschuldet. Daß Armut zum Vorwurf wird, verrät, daß sie nach wie vor als eine Art Charakterfehler, ja sogar als geistiger Defekt angesehen wird. Peter von Matt, der Schweizer Literaturwissenschaftler, wagt in diesem Zusammenhang eine Art Psychogramm Walsers, indem er die Wirkungen der Mutter und der VaterImago auf den kleinen Robert zu ergründen versucht:
„(D)er Sohn (…) gehorcht“ der ehrgeizigen Mutter, „indem er ein großer Autor wird und Prosa schreibt von schwindelerregender Vollkommenheit. (…) Er gehört dem (geschäftsuntüchtigen) Vater an in der Armut seiner Dachzimmer (…).“
Auch wenn Peter von Matt die schriftstellerische Leistung Walsers lobt, wird durch die psychoanalytische Erklärung des Ideals der Armut Robert Walser herabgesetzt: zum einen, weil ihm dadurch kein eigenes Urteilsvermögen zugestanden wird, so, als könnte ein Mensch, der bei Sinnen ist, sich nicht freiwillig für eine bescheidene Lebensführung entschließen; und zum anderen wird Walser Unrecht zugefügt, weil gesellschaftliche Hierarchisierung auf diese Weise als selbstverständliche Norm vorausgesetzt wird: Wer keine Karriere machen will, wer nicht aus den unteren Regionen der Anspruchslosigkeit in die oberen des Wohlstands strebt, der muß therapiert werden; denn nicht die Gesellschaft ist krank, in der die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden, sondern derjenige ist seelisch gestört, der keine Besitztümer anstrebt. Folgt man dieser Logik, gehören Diogenes von Sinope, Jesus von Nazareth, Franz von Asissi oder Mahatma Ghandi nicht minder auf die Couch. Denn ihnen allen ist eine Grundüberzeugung gemeinsam: Die Wahrheit des Denkens erweist sich erst in einem ihm gemäßen Verhalten! Mit Bezug auf Walser heißt das: Er hat Anspruchslosigkeit nicht nur in seinem Werk vertreten, er hat sie auch gelebt; als integrale Persönlichkeit ist er aber an den schizioden Strukturen der Gesellschaft gescheitert.
Was hat es aber mit dem Streben nach Reichtum, das Walser für sich ablehnte, auf sich? Reichtum ist ein Substitut für das Paradies. Mit der Vertreibung daraus werden die Subjekte hineingestoßen ins Reich der Notwendigkeit: ins Leiden, in Mühsal und Schmerz, in die Anstrengung. Mit anderen Worten: es wird dem Menschen etwas abverlangt. Im Schweiße seines Angesichts soll er sein Brot essen, bis er wieder zu Erde wird, von der er genommen ist.
Um dem zu entgehen, so schrieb Thomas Hardy vor über einem Jahrhundert, sei es besser, erst gar nicht geboren zu werden. Und dies gilt vor allem für jene, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen müssen. Dieser Vorstellung Hardys korrespondiert bei Walser das Motiv der Todessehnsucht: Tod wird ihm zum Synonym für die Freiheit vom Schuld und Verstrickungszusammenhang, wird zum Synonym für die >Erlösung< „von allen Unsicherheiten (…), Mühseligkeiten“ und den „kalten Anforderungen“ des Lebens. Ein Mann namens Möri, der von allen Menschen zurückgestoßen wird und der auch keine Arbeit findet, weil er nicht in das Muster zupackender Lebensfröhlichkeit paßt und sich weigert, sein Selbst zu erhalten, indem er es verleugnet, Möri geht nach all seinen Bemühungen, in der Gesellschaft so akzeptiert zu werden, wie er ist, ins Wasser, denn dort „plagen (ihn) keine Sorgen mehr“ und „aller Kummer“ hat ein Ende. Die Liebe, die dem Außenseiter im Leben nicht zuteil wird, findet er, so scheint es, im Tod. Doch wie verzweifelt muß ein Mensch sein, der im Tode sucht, was ihm die Lebenden nicht zu geben bereit waren: Freundlichkeit, Trost, Duldsamkeit, Güte, Aufrichtigkeit, Anteilnahme, Offenheit allesamt positive Eigenschaften des Menschen, die sich in Prosatexten von Walser finden, Eigenschaften, die angesichts der Konkurrenzgesellschaft, des >bellum omnium contra omnes<, utopischen Charakter haben. Dem Krieg aller gegen alle stellt Robert Walser als Minimum – eine konträre Maxime entgegen, die an Kant erinnert:

ZITATOR: Man fragt einander, „ob man (sich gegenseitig) unterstützen könne“; wenn man versucht, etwas für sich zu erreichen, achtet man darauf, daß dies nicht zu Lasten eines anderen geht. Man ist „lieber (…) selber beschädigt, als daß (man) gerne sähe(…), wie ein anderer Schaden nimmt.“

SPRECHER: Dieser Maxime solidarischen Handelns entspricht in Walsers Prosa die Hinwendung zu den Traurigen, den Melancholikern und Schwachen, den gesellschaftlich Mißachteten und Deklassierten. Walser hatte ein sehr ausgeprägtes Gefühl für soziales Unrecht, und es schmerzte ihn, mit ansehen zu müssen, wie etwa reiche Frauen mit exklusivem teuren Schmuck behangen waren, während Kinder aus armen Familien nichts zu essen hatten; es regte ihn auf, wenn schwerreiche Industrielle in Schlössern wohnten, während achtköpfige Familien sich in einem Zimmer zusammendrängen mußten.
Das Streben nach Privilegien, nach Macht und Besitz ist nicht nur der Versuch, die Bleigewichte des Seins, die pure Notwendigkeit, hinter sich zu lassen, sondern dieses Streben ist oft auch damit verbunden, sich über geltendes Recht zu stellen oder es sogar gänzlich zu mißachten: So wurde das biblische Gebot „Du sollst nicht töten“ zum Beispiel von den Nazis selbstherrlich außer Kraft gesetzt; die >declaration of human rights< und die darin formulierten grundlegenden Menschenrechte werden heute noch von vielen Staaten mit Füßen getreten; und der Gedanke einer Sozialpflichtigkeit des Eigentums ist der neoliberalistischen Profitgier widerwärtig.
Den weniger Privilegierten, den sozial Schwächeren werden von den Durchsetzungsstarken noch zusätzlich gesellschaftlich erzeugte Lasten aufgebürdet, damit die Privilegierten unbeschwert ihren Reichtum weiterhin genießen und sich über die vermeintlichen Verlierer erhaben fühlen können. In die Gestalt eines derartigen Siegertypen versetzt sich Jakob von Gunten in Walsers gleichnamigen Roman:

ZITATOR: „Ich war (…) ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden (…). Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle, ein aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den Fingern meiner unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem zentnerschwere, fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so recht, daß ich befehlen und Launen losschießen durfte. Neben mir, auf einem reich besetzten Tisch, prangten die Gegenstände einer nicht zu befriedigenden Eß und Trinkbegierde, Wein und Likörflaschen, und die auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen (…). An den Messern und Gabeln klebten die Tränen zugrunde gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die Seufzer vieler armer Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte Tafelmusik und hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf Kosten des Wohlergehens anderer gemacht. (…) O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte.“

SPRECHER: Während die äußere Erscheinung des hier geschilderten Reichen einer Karikatur, wenn nicht gar einem Klischee entspricht, so trifft das Fazit Walsers den wunden Punkt aller Bereicherung: sie geht zu Lasten anderer. Walser ist mit seiner Kritik an der sich gesellschaftlich durchsetzenden Bereicherungsmentalität kein Einzelfall, seine Bescheidenheit kein zu therapierender Zustand, sondern gelebte Konsequenz seines Werkes: Das zeigt ein Blick in das Werk des amerikanischen Schriftstellers Ross Macdonald, ein Blick, dem zwar etwas Kontingentes anhaftet, durch den sich aber gerade dadurch deutlich machen läßt, daß in die Irre geht, wer Walsers Selbstzurücknahme und sein Insistieren auf einem Leben in Genügsamkeit zum Privatproblem eines pathologischen Charakters erklärt. Diese Reduktion aufs Private verfehlt den Wahrheitsgehalt in Walsers Werk. Und ein Bestandteil dieses Gehalts ist Walsers Erkenntnis, daß Grundmuster menschlichen Verhaltens immer wiederkehren – trotz Revolutionen oder der Aneignung von Bildungswissen. Eines dieser Muster besteht darin, daß die Herrischen, die Gewalttätigen und Rücksichtslosen stets aufs Neue die Zurückhaltenden, die Leisen und die im Denken Differenzierten an den Rand drängen, sofern sie mit ihrer Differenziertheit nicht auftrumpfen.
Walser folgert:

ZITATOR: „Der Krieg zwischen Scheuen und Unverschämten wird wahrscheinlich nie, nie enden.“

SPRECHER: Wer die Probleme dieser Welt, in denen andere vielleicht mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit gefangen sind, wer aus der Perspektive der Überlegenheit die Dinge dieser Welt betrachtet, wer sich dazu entschließt, freischaffender Intellektueller zu werden, ohne dabei irgend etwas zu riskieren, der wird schwerlich in die tieferen Schichten menschlicher Existenz eindringen, das heißt, er wird an ihrer Oberfläche bleiben. Walser haßte, wenn dieses Verb für ihn überhaupt angemessen ist, das „Schreiben „von oben herab““.
Walther Rathenau dagegen, so Jochen Greven, der Herausgeber der ersten Gesamtausgabe von Walsers Werken, Walther Rathenau war eine zutiefst widersprüchliche Persönlichkeit: In seinen zeitkritischen philosophischen Schriften bezeichnet er „den allumfassenden Rationalisierungsprozeß der Gesellschaft und des Denkens (…) als Kulturzerfall“; aber als „Prototyp des Supermanagers“ trieb er den „Siegeszug“ dieses Prozesses voran. Rathenau entwickelte Pläne zur „Konstruktion monopolistische(r) Industrietrusts“, Pläne, die „bestürzende imperialistische und totalitäre“ Elemente enthalten, und die, so wäre hinzuzufügen, durch die großen internationalen Konzernfusionen derzeit realisiert werden.

Liest man Robert Walser auf dem Hintergrund philosophischer Ästhetik, dann wird deutlich, daß Walser mit seiner Kritik der Gesellschaft vor allem auf eines zielt: auf die Rettung und Verteidigung des Lebendigen, das in der Erfahrung des Unverfügbaren seinen wahren Ausdruck findet. Mit anderen Worten: Walser verweigert nicht nur das Streben nach Einfluß, Macht und Erfolg, sondern er distanziert sich deutlich von einer immer dominanteren >Zweckrationalität<, deren Hauptmerkmal Herrschaft ist, Herrschaft über die Natur und Herrschaft über den Menschen.
In immer neuen Anläufen entwirft Walser in seiner Prosa am Beispiel der Erfahrung des Schönen in der Natur ein Gegenbild zu solcher Herrschaft:

ZITATOR: „Die (…) Abendsonne streute flüssiges Liebes und Phantasiegold über die (…) (Landschaft) und (entzündete) sie rötlich (…). Es war auf allem ein Hauch von Violett, aber eben nur ein zarter, kaum sichtbarer Hauch. Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen, sondern tastet und schwebt nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen als ahnungsvoller Schimmer, als Ton, als Gefühl. (…) Mir war (…), (als ob) ich dichtete, träumte, phantasierte. (…)“ Oder war es die Natur selber, die „dichtete“ und „über ihre(…) eigene(…) Schönheit (…) träum(te)? Das Land war wie versunken in ein tiefes musikalisches Denken.“

SPRECHER: Man sollte sich davor hüten, diese Schilderung als naive Naturschwärmerei anzusehen; solche Texte sind bei Walser geprägt durch ein Element der Absichtsloskeit. Das, was den Menschen wirklich erfüllt, erscheint unverhofft und ist äußerst zerbrechlich. Die Epiphanie des Glücks verschwindet sofort, wenn man sie verdinglichen, besitzen, konservieren will.
In einem Fragment, das sich auf seinen 1906 verfaßten Roman Geschwister Tanner bezieht, heißt es:

ZITATOR: „Gewisse Zustände“, gewisse Konstellationen des menschlichen Daseins, „sind (auf) einmal da, um (später) vielleicht nie mehr wieder zu erscheinen(;) oder (sie sind) dann erst wieder (da), (wenn) man es am allerwenigsten voraussetzt. Sind nicht Voraussetzungen (…) unheilig, frech und unzart?“

SPRECHER: Technologisch orientiertes Denken verhält sich zu dieser Einsicht Walsers konträr: Es vergottet das Prinzip der Kausalität, sucht Erlösung von der Beschwerlichkeit des Daseins in der Manipulierbarkeit und Steuerung von WennDannZusammenhängen.
Zwang ist ein Indiz eines solchen Kausalitäts oder Voraussetzungshandelns und exemplifiziert sich am Verhalten von Einzelnen repräsentativ, etwa an Paul Cassirer, dem Berliner Kunsthändler, der die französischen Impressionisten im Deutschen Kaiserreich bekannt machte. Cassirer war, so Walser, ein „Gewalthaber“, der sich rücksichtslos gegenüber anderen durchsetzte: Er war herrisch, scheute vor Erpressung nicht zurück, wenn er etwas erreichen wollte, reagierte bei Kritik rasch mit verletzter Eigenliebe und war ein Meister der Heuchelei und Verstellungskunst.
Unter der Hülle des kultivierten Bildungsbürgers verbarg sich ein Barbar, einer von der Sorte, der davon überzeugt ist, auf der Höhe der Zeit sich zu befinden, einer Zeit, die in Wirklichkeit vom Wahn der Selbstüberschätzung bestimmt ist.
Und diese individuelle Charakterschwäche hat ihr Pendant auch im Gesellschaftlichsozialen: Das alte Europa sah in seinen Wissenschaften, in seinen technischen Entwicklungen, in seiner Kultur „Errungenschaften allerersten Ranges“ und pries sie als Wohltaten für alle „Völker“. Walser kritisiert diesen imperialen Machtanspruch der Zivilisierten, jener, die sich für berufen halten, dem Rest der Welt ihre Errungenschaften aufzuzwingen; Walser kritisiert, daß „die Nation, die sich an (den Fortschritt) gewöhnt hat, (…) allen anderen Nationen (…) voranmarschiert (…) (und für sich) „mit historischer Notwendigkeit das Recht geltend“ macht, (…) den „übrigen Völkern des Erdballes Gesetze zu diktieren und über den gesamten Kreis der Welt unumschränkt zu herrschen.“
Und eines der Hauptmerkmale solch imperialen Bewußtseins ist die Unfähigkeit, fremde Lebensformen in ihrem Eigenwert anzuerkennen: Wer zu den „Tonangebenden“ gehören will, muß gemäß diesem imperialen Bewußtsein Mitmenschen und Mitgeschöpfe instrumentalisieren, muß sich dem zuwenden, was ihm auf dem Weg nach oben nützt, und er muß das ausblenden, „was gar keinen Erfolg verspricht“.
In einer seiner zahlreichen Selbstcharakterisierungen bezeichnet Walser sich selbst dagegen als >Hanswurst<, als „Dummkopf“:

ZITATOR: „Er ist und bleibt ein Kind, der das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Schätzenswerte vom Wertlosen nicht zu unterscheiden vermag.“

SPRECHER: Man könnte, nein, man muß bei Walser von einer Ethik der AntiHierarchisierung sprechen, einer Ethik, die jegliche Ausblendung oder Ausgrenzung verweigert: Alles Lebendige bedeutet Walser gleich viel, ja selbst die scheinbar toten Dinge sprechen zu ihm, werden durch seine Prosa beredt. In einfühlender, ja, liebevoller Weise identifiziert sich Robert Walser in seinem Ethos des „Übersehenen und Ausgeblendeten“ mit dem Geringsten, weil es vergänglich ist, wie er selbst, weil es ihm Selbsterkenntnis vermittelt:

ZITATOR: „In der Nähe zitterte ein Blatt im Wind. (Ich) nahm es in (m)ein Gedicht auf; ebenso einen strubbligen Baum; ebenso ein Häufchen Schnee, das in einem Graben lag, und ebenso (m)ich selbst, der auch eines Tages am Boden (liegen wird) wie das Blatt und das bißchen Schnee.“

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