Beckett und Kassel oder Kassel und Beckett

29.09.2011 · 11:07 Uhr

Der Schriftsteller Samuel Beckett im Jahr 1966 (Bild: AP Archiv)
Die hohe Schule des Scheiterns
Ausgewählte Briefe lassen erkennen, dass Samuel Beckett mit seinem Werk nie ganz zufrieden war
Gaby Hartel im Gespräch mit Dieter Kassel
Ungefähr 16.000 Briefe hat der irische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Beckett hinterlassen – ein gewaltiger Bestand, von dem sich viele Beckett-Fans neue Erkenntnisse auch über das fiktionale Werk erhoffen. In Paris wurde jetzt ein zweiter Band mit Briefen veröffentlicht.
Dieter Kassel: Den ersten Teil der Briefe – zumindest eine Auswahl davon – gibt es schon seit zwei Jahren zumindest im englischen Original in Buchform, nun werden weitere Briefe veröffentlicht, und vorgestellt werden diese Briefe heute in Paris. Bei mir im Studio ist jetzt die Beckett-Expertin Gaby Hartel. Sie hatte verschiedene Beckett-Texte übersetzt. Gerade erschienen ist von ihr als Übersetzerin und Mitherausgeberin der Band „The Eye of Prey“ über Becketts Film-, Fernseh- und Videoarbeiten. Sie wäre auch fast in Paris gewesen, ist sie jetzt nicht, was ich eigentlich ganz toll finde, weil sie deshalb jetzt hier ist. Schönen guten Tag, Frau Hartel!

Gaby Hartel: Ja, guten Tag!

Kassel: Dieser erste Band mit Briefen von Samuel Beckett, den ich schon erwähnt habe, ist in Dublin der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Dieser zweite wird nun heute in Paris vorgestellt. Das ist sicherlich kein Zufall.

Hartel: Das ist überhaupt kein Zufall, weil Beckett ja – wie die Leute wissen, die ihn ein bisschen kennen – der große Europäer war, und er war vor allen Dingen der große Irland-Flüchtling. Also er hat sein Leben lang gewissermaßen an Irland gehangen, an der Landschaft, an eigentlich auch Menschen, an der Sprachfarbe, aber er hat sein erwachsenes – junges erwachsenes – Leben lang sehr gelitten unter dem restriktiven dieses irischen, sehr stark religiös geprägten Landes. Er ist schon als junger Mann geflohen, als brillanter Postgraduate-Student, nennt man das, also als brillanter junger Doktorand, wenn Sie so wollen, war damals – das war 1927 bis 1929 – war er in Paris als Lektor tätig an der renommierten „École normale supérieure“ und hat – ich sage immer ganz gerne -, er ist da sozusagen auf die schiefe Bahn gekommen, denn er hätte eigentlich Professor werden sollen, hat das dann auch nach 1930 sehr erfolglos probiert am Trinity College in Dublin. Aber er hat damals zwischen 27 und 29 die Liebe eigentlich zur Literatur entdeckt und vor allen Dingen diesen unglaublichen Willen, wenn Sie so wollen, etwas Entscheidendes in der Literatur herzustellen. Ganz entscheidend dabei war James Joyce – nur kurz -, auch so ein Exilant aus Dublin, und – ich raffe das ganz schnell – Beckett musste leider zurück nach Dublin, kehrte dann aber 1937 wieder nach Paris zurück und blieb da auch zunächst während des Zweiten Weltkriegs im Untergrund, musste dann untertauchen in Südfrankreich und kam 1944 zurück. Und ab 1945 tauchte er dann ganz intensiv ein, vor allen Dingen in die Szene der bildenden Kunst und der Kunstpublizistik in Paris. Deswegen jetzt – pardon – diese Briefe, deswegen erscheinen sie in Paris.

Kassel: Ungefähr 20 Jahre Beckett-Leben in einer Minute jetzt. Diese Briefe, um es mal konkret zu sagen, sind ja Briefe aus den Jahren 1941 bis 56, an wen hat er denn eigentlich in dieser Zeit geschrieben?

Hartel: Also das Interessante ist, Beckett war immer ein sehr, sehr intensiver Briefeschreiber, und eine seiner Musen und späteren Schauspielerinnen Billie Whitelaw hat mal zu mir gesagt: Also wenn irgendwie eine Katze an Beckett eine Karte geschrieben hätte, dann hätte er wahrscheinlich zurückgeschrieben „Dear Pussycat“. Also er hat sozusagen an alle geschrieben, die an ihn herangetreten sind. Und vor allen Dingen, das Entscheidende in dieser Zeit, wir dürfen das nicht vergessen, gerade in der Zeit zwischen, sagen wir, 1945 und 1956 wird der heutige Beckett, wie wir ihn kennen, geboren. Davor war er sozusagen ein Geheimtipp und auch nicht ganz so unerfolgreich, wie man immer dachte, aber eben gemessen an den Erwartungen seiner Familie war er eben wirklich ein absoluter Loser. Jetzt wird er plötzlich bekannt – also richtig bekannt wird er schlagartig natürlich erst nach der Uraufführung von „Warten auf Godot“ 1953. Aber die Zeit davor, zwischen ’45 und ’49 nennt man sehr gerne den „Belagerungszustand im Zimmer“, also „the siege in the room“. Und was Beckett da gemacht hat, ist sozusagen den Großteil seines Lebenswerks an einem Stück geschrieben. Er hat in der Zeit sich sehr ausgetauscht mit Freunden, die er sowieso auch traf, also die ihm wichtig waren, vor allen Dingen ganz entscheidend hier ist der Verleger und Übersetzer und Kunstpublizist Georges Duthuit, heute kennt man ihn eigentlich nur noch, weil man ihn als Partner, auch als Gesprächspartner von Beckett kennt, aber dieser Georges Duthuit hat eine Rolle übernommen, die vor dem zweiten Weltkrieg ein irischer Freund, der Thomas MacGreevy, innehatte. Und mit Georges Duthuit wurde sich intensivst ausgetauscht über die Rolle der Kunst, über die Aufgabe der Kunst – immer bildende Kunst interessanterweise. Er sagt auch diesem Duthuit gegenüber sehr gerne, dass er sich eigentlich völlig blöd im Kopf fühlt, ihm nichts einfällt, gleichzeitig drückt er auch immer wieder aus, wie gut es eigentlich klappt mit dem Schreiben. Aber das Entscheidende ist wirklich, glaube ich, dass diese Briefe ihm so wichtig waren – irgendwann hat er mal einem Freund gesagt: Dieser Duthuit, der weiß einfach, wovon er spricht. Und es gab eben diese gemeinsame Leidenschaft und diesen gemeinsamen Glauben an die unbedingte Wichtigkeit der bildenden Kunst.

Kassel: Wir reden heute im Deutschlandradio Kultur mit der Beckett-Expertin und Literaturübersetzerin Gaby Hartel. Wir reden ja eigentlich mit Ihnen über die Briefe – auf die kommen wir jetzt zurück. Der zweite Band dieser Briefe – auf vier Bände ist diese Ausgabe angelegt – ist heute der Öffentlichkeit vorgestellt worden in Paris, die Briefe aus dem Jahren ’41 bis ’56. Wenn man das Wort Briefe hört und man nicht sofort an die Persönlichkeit Beckett denkt, dann erwartet man natürlich auch private Dinge. Sind die denn drin in diesen Briefen auch?

Hartel: Eigentlich nur vermittelt, denn der Grund, warum der erste Band der Briefe erst etwas über 20 Jahre nach der Erlaubnis, die Beckett dann Martha Fehsenfeld, einer Herausgeberin, erteilt hat, liegt unter anderem auch daran, dass eben in der Zeit, in der die Herausgeberinnen – waren es damals noch, zwei – anfingen, an den Beckett-Briefen zu arbeiten. In der Zeit verstarb Beckett 1989, und sein Neffe, Edward Beckett, der seither der Nachlassverwalter ist, legt peinlichsten Wert da drauf, dass private Dinge rausgehalten werden aus diesen Briefen, die jetzt erschienen sind. Wir wissen inzwischen, dass er eine Unzahl von Affären hatte, und er hatte auch gleichzeitig immer körperliche Probleme. Und das sind jetzt so diese beiden Knackpunkte, die eigentlich nicht auftauchen sollten in diesen Briefen – das tun sie auch nicht, aber jemand, der die Biografie ein bisschen kennt, der weiß natürlich, wie intensiv Beckett mit Pamela Mitchell liiert war. Das war eine Amerikanerin, die in Paris lebte und mit der er eine paar Monate währende Affäre hatte, die aber doch auch eine große intellektuelle Liebe für ihn war, das spricht aus diesen Briefen. Er ist da auch sehr offen jetzt, sagen wir mal, nicht im direktesten Sinne – Sie erfahren nichts Erotisches aus diesen Briefen, aber man merkt natürlich diese starke Nähe und dieses ganz starke Vertrauen, auch Dinge, die Beckett in der Selbsteinschätzung sagt. Also er muss, während die Affäre gerade in vollem Gang ist, muss er leider nach Dublin zurück, weil sein Bruder Frank im Sterben liegt, und er unterstützt ihn da auf seinem letzten Weg. Es wird aus den Briefen klar, dass es nicht ganz klar ist, wie es nun mit den beiden, Pamela Mitchell und Beckett, weitergehen soll. Und er sagt irgendwann sehr rührend, anrührend, wie ich finde: Wir müssen sehen, was wir machen, wenn ich zurück bin, ich kann jetzt einfach nicht noch mehr Schmerzen verursachen, das schaffe ich nicht. Und solche Dinge spüren Sie in den Briefen.

Kassel: Wir haben drüber gesprochen, dass er eigentlich schon ’45 und dann ’53 mit „Warten auf Godot“, mit diesem Bang, der Welterfolg kam für Beckett. Spürt man in den Briefen da irgendeine Persönlichkeitsveränderung? Er ist ja durchaus jemand, der das quasi aus den ersten Briefen auch ein wenig – nicht auf eine arrogante, sondern eher sogar sehr bescheidene Art und Weise – gelitten hat unter mangelndem Erfolg vorher. Ändert er sich?

Hartel: Er ändert sich – jein. Also ich würde sagen, Beckett wollte immer, dass seine Figuren, er nennt sie „his creatures“, dass seine literarischen Figuren es schaffen in der Welt, sagen wir so. Inwieweit sein privates, sein persönliches Weiterkommen für ihn so wichtig war, kann ich gar nicht so genau sagen. Das ist auch immer ein bisschen ambivalent einzuschätzen. Was Sie aber immer noch kriegen – und das hat mich wirklich sehr überrascht -, Sie spüren immer noch, dass er immer wieder denkt, er kriegt es nicht wirklich hin. Also er kriegt seine Art von Literatur nicht wirklich auf die Seite. Er setzt sich auseinander in einem Brief an jemand für ihn völlig Fremden, Hans Neumann, das ist ein deutscher Übersetzer. In diesem Brief setzt er sich auseinander mit seinen Einflüssen, weil der Mann ihn fragt, und der ihn fragt: Wie ist Ihr Verhältnis zu Kafka, Proust, Joyce, und wieso schreiben Sie denn plötzlich französisch? Und da war ich wirklich auch sehr, sehr überrascht gewesen, wie offen er antwortet, und wie er wirklich sagt: Das mit dem Englisch, das ging irgendwie nicht mehr, ich möchte mir selber das Leben schwerer machen. Ich kenne Englisch zu gut und möchte einen Widerstand haben in der Sprache. Vielleicht noch eine kurze Sache zur Persönlichkeitsveränderung: Er wird in den Briefen auf eine angenehme Art ein anderer Mensch, also in seinen frühen Briefen hat er sehr oft getobt, und er wurde auch sehr oft ausfällig, auch sehr – nicht zotig, aber sehr ordinär teilweise. Das ist jetzt fast nicht mehr da. Er wird jetzt sehr – die Engländer nennen das gerne „matter of fact“, also informativ, er sucht auch nicht mehr leidend nach irgendeiner Möglichkeit zu schreiben, sondern er berichtet nur noch, wie er jetzt schreibt. Also man lernt Beckett wirklich kennen, insofern in sehr privaten Situationen, aber dieser ausrastende Beckett der Vorkriegszeit, der ist jetzt weg.

Kassel: Menschen, die sich mit Beckett beschäftigt haben – nicht professionell, sondern die einfach Stücke wie natürlich „Warten auf Godot“, aber auch mein Lieblingswerk – ist und bleibt – „Krapp’s last Tape“, also „Das letzte Band“, „Endspiel“, aber man kann noch viele andere nennen -, die diese Stücke kennen, sagen ja manchmal: Ich habe es jetzt siebenmal gesehen in verschiedenen Inszenierungen, ich habe es gelesen, und ich wage nicht zu behaupten, dass ich es komplett verstanden habe. Wenn Leute diese letzten Antworten suchen auf Fragen, die sie entdecken in den Stücken – findet man die Antworten in den Briefen?

Hartel: Nein, man findet seine Suche. Man findet heraus, was ihn interessiert an dem Stoff, und er wird ja ganz klar gefragt, was ist denn nun Godot, und schreibt dann wiederum an seine Freundin Pamela Mitchell: Ich kann es so langsam nicht mehr hören, das macht mich fertig, dass die immer fragen. Warum wollen die das immer so wissen? Es ist wunderbar, wie er das formuliert: Ich verstehe es gar nicht, wie irgendwas, was so einfach ist, so verkompliziert werden kann. Und er sagt einmal sehr, sehr schön über „Krapp’s last Tape“: Wir müssen uns diesen Mann in dem Zimmer vorstellen wie einen alten einsamen Mann, der ein emotionales Verhältnis zu seiner Technik entwickelt oder zu den Dingen, die um ihn herum sind. Also das heißt, solche Dinge erklärt er. Aber was jetzt wirklich die Stücke in der letzten Instanz bedeuten sollen, das finden Sie da auch nicht raus. Er spricht da nicht so klar drüber. Ich finde allerdings die Tatsache, dass er sie so offen gehalten hat, bedeutet ja oder zeigt für mich, dass er eigentlich, wenn die Inszenierung gut ist, relativ wenig Patina ansetzt, oder gar keine.

Kassel: Gaby Hartel war bei uns zu Gast an diesem heutigen Tag, an dem die Briefe von Samuel Beckett aus den Jahren 1941 bis ’56 in Paris offiziell veröffentlicht werden. Frau Hartel, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Hartel: Ja, ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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