Entgleiste Schiffchen von Jan Bosse

Seit mehr als einem Jahr ist der Reißverschluß meines Rucksacks, der mich eigentlich auf jede Reise begleitet, kaputt. Kaputt, sagt auch der Schuster später. Daß ich zum Schuster soll, sagte die Frau Reidinger im Sportgeschäft in Giesing, wo ich den „Grand Canyon 55“ im Winter 2009 gekauft habe: „Gehen`s zu unserem Schuster neben dem Ostfriedhof, da schicken wir unsere Kunden immer hin“. Doch ich gehe zur Schneiderin neben dem Postamt im Westend, einer Bosnierin, bei der sich drei Männer gerade neben ihrer Heizung aufwärmen und Tee trinken. Draußen, hinter schweren Vorhängen liegt Neuschnee an den unbefahrenen Rändern der Kopfstein gepflasterten Bergmannstraße. „Nein, ich kann den Rucksack nicht reparieren,“ sagt sie „oder kann man das Oberteil abnehmen ? Sonst komm‘ ich nämlich mit meinen Maschinen nicht herum. Teuer wird das aber! Haben Sie noch Garantie ? Bei Northface lebenslang. Was ist das für eine Marke?“ „Es gibt keine Marke, die lebenslang Reißverschlüsse garantiert,“ sagt mir die Frau Reidinger am Telefon, als ich wieder zu Hause war.

Und wessen Leben war überhaupt gemeint, fragte ich mich, als ich den Hörer auflegte und mich auf die Suche nach einem Schuster mache, wie die Frau Reidinger mir ja schon von Anfang an empfohlen hatte.

Der türkische Schuster aus meinem Viertel und nicht vom Ostfriedhof schüttelt den Kopf beim Anblick des aus dem Reißverschluß entglittenen Schiffchens. In die Herzog- Wilhelm-Straße 27 soll ich fahren, wie alle seine Kunden mit entgleisten Schiffchen. Im Lederwarenhandel Meier ist viel Betrieb. Viele Männer um die vierzig wenden sich vor Spiegeln im Kreis und schauen sich über ihre Schultern an, wie der neue Pelzkragen sich da macht auf ihren alten, verrauchten Fliegerlederjacken. „Was wollen’s? Ein Schiffchen ? Einen Zipper ?! Na, so was haben wir nicht. Oder Erwin ? Haben wir Zipper?!“ Ich verhandele und sage: „Aber mein Schuster aus dem Westend, der Herr Altinisik aus der Gollierstrasse, der hat mir gerade gesagt, daß er alle seine Kunden zu Ihnen schickt, immer dann, wenn sie neue Schiffchen brauchen.“ „Na, Zipper haben wir nicht. Warten’s“. Die Dame, die sich nicht lange mit mir aufhalten will, weil zu dieser Nachmittagsstunde ein rechter Wirbel im Geschäft ist, drückt mir eine Packung Streichhölzer in die Hand. „Da, nehmen Sie die. Da steht alles drauf. Gehen’s dort hin, der hat noch Schiffchen.“ Obwohl ich selten noch eine rauche wegen der Gesundheit, hätt‘ ich jetzt schon Lust, aber lese dann lieber nur die Aufschrift:

Josef Demmel, Schnittmuster und Knopflöcher

Hans-Sachs-Straße 15

80469 München

Ihr Spezialist für Knopflöcher

Mit der gelben Streichholz Schachtel in der rechten und dem roten Rucksack in der linken Hand wandere ich weiter ins Glockenbachviertel. Hans-Sachs-Straße 15. Vorbei an Boutiquen, Cafés und Galerien mit Kunst von Südsee Inseln, laufe ich die Strasse runter und schaue auf die Hausnummern, die schon die Nummer 13 anzeigen. Nein, den Laden wird es wohl nicht mehr geben, denke ich mir. Doch nicht mehr hier. Doch dann gibt es da doch eine kleine Tür unter der Hausnummer 15. Dazu ein von innen verbarrikadiertes Schaufenster ohne Auslage. Mit dem Ende der aufgeschwungenen Tür endet auch der Empfangsraum des Ladens. Kaum grösser als zwei Quadratmeter ist der Verschlag, in dem ich auf Herrn Demmel warte. Seine Stimme höre ich aber schon, als hätte er mich schon kommen sehen mit meinem roten Wanderrucksack: „Was gibt’s denn, was gibt’s denn?“. Gleich zweimal hintereinander fragt mich Demmel etwas vorwurfsvoll, dann noch einmal durch eine kleine ebenfalls verbarrikadierte Durchreiche. Weil ich dazu aufgefordert werde, bringe ich wie ein wohl erzogener Knabe ganz höflich mein Anliegen in der ganzen Not vor der leeren Durchreiche vor, als hätten mich meine Eltern geschickt:

„Also der Schuster im Westend, der Herr Altinisik hat mir gesagt, ich soll in das Ledergeschäft gehen in der Herzog- Wilhelm Straße. Aber die Verkäuferin bei Meier hat mir gesagt, daß das nicht sein kann. Sie könne mir keinen Zipper für meinen Rucksack geben. Und dann hat sie mir diese Streichhölzer hier geschenkt und da solle ich hin, wie es drauf steht. Da, in die Hans-Sachs-Straße 15, zu Ihnen. Also Herr Demmel, haben Sie ein passendes Schiffchen für mich?“ und zeige ihm die Streichhölzer. Dann verschwindet Herr Demmel, ohne mich anzuschauen, kommentarlos und so schnell, wie er aufgetaucht ist, mit meinem roten Rucksack, zurück hinter seine Trennwand,  und ich höre ihn hämmern und klopfen: Zing, Kling, Bling, Klock, Zing. Und dazu ruft er immer wieder im Rhythmus triumphierend: „Ich verrat’s ihnen nicht, ich verrat’s ihnen nicht! Da können’s fragen, so lang sie wollen, da können’s fragen, so lang sie wollen!“. Ich setze mich auf einen kleinen Hocker und denke an die asynkopischen Betonungen der Worte in den Dialogen des Filmes „Klassenverhältnise“, basierend auf Kafka’s „Amerika“ Erzählung von Jean Marie Straub und Danielle Huillet, den ich einmal bei Helmut Färber in der Filmhochschule gesehen habe. 1998 war das. Jetzt klingelt das Telefon. So ein Telefon mit Außenglocke wie in großen Fabrikhallen oder Proberäumen von deutschen Stadttheatern des letzten Jahrhunderts.

Ein richtiges Klingeln, wie die alten Telefone der Deutschen Post. Ein richtiges Kling Kling. Bring Bring auf 18 Quadratmetern. Herr Demmel meldet sich vernuschelt nur „Demmel“, als ob ihm Anrufer von vorneherein lästig sind. Doch dann, nach einer Schrecksekunde, braust er auf. So aufbrausend, wie ich mir einen Opernregisseur vorstelle, zum Beispiel an der Wiener Staatsoper bei der Probe für eine Wiederaufnahme einer alten, erfolgreichen „Tosca“ Inszenierung, die das Publikum wegen ihrer werktreuen Regie immer wieder sehen will und dann plötzlich aus Dankbarkeit für frühe Siege die gefeierte Sängerin des gestrigen Premierenabends unverhofft bei ihrem alten Mentor vorbeischaut, berauscht von einer Premiere, die nicht mehr unter seiner Regie stattfand: „Also Ski fahren gehst Du meine Liebe, Ja Wahnsinn!! – jetzt brich Dir bitte nicht die Knochen meine Liebste – Also bis Montag ich komm dann gleich zu Dir! Als erstes in der Früh! Als aller, aller, aller erstes. Selbstverständlich Verehrteste. Wie immer zu Diensten!“ Und dann taucht Josef Demmel nach einer langen stillen Pause hinter der Durchreiche auf. Taucht auf, wie ein Puppenspieler eines ehrwürdigen Prager Marionetten Theaters mit scharfen Gesichtszügen als hätte er einmal Modell gestanden in einem expressionistischen Gemälde.

Und in die letzten Ausläufern seines plötzlich einsetzenden Reizhustens sagt Joseph Demmel: „Probieren Sie, Probieren Sie!! Überzeugen Sie sich selbst! – Ziehen Sie auf und ziehen Sie zu!- Ziehen Sie auf und ziehen Sie zu! Bitte Bitte! Machen Sie sich selbst ein Bild“ „Ja, das Schiffchen gleitet wieder reibungslos auf und zu,“ sage ich, während ich es versonnen und erleichtert und würdigend mehrfach langsam hin und her bewege und jeden Zahn dabei klingen lasse. Dann wartet Demmel noch einen weiteren langen Augenblick und schaut mir tief in die Augen. Dann sagt er ruhig und gefasst in die Stille: „Sie müssen Reißverschlüsse so gut behandeln wie Ihren Geliebten.“ Dann macht er noch mal eine Pause und ergänzt: „Oder natürlich wie Ihre Geliebte! und betont ausdrücklich das „E“ und schaut mich prüfend an, welche Wahl die meine ist. Nach einer weiteren langen Pause ergänzt Demmel etwas enttäuscht hinsichtlich meiner Reaktion auf meine zweite Wahl beiläufig: “Meinem Sohn sag‘ ich das auch immer, aber der hört nicht mehr auf mich. Dann hält nämlich alles besser. Die Beziehung und der Rucksack!“ Josef Demmel zieht jetzt den alten schwarzen Wollpullover hoch und zeigt mir seinen Hosenlatz mit neuem golden glitzerndem Reißverschluß und fest verhaktem silber funkelndem Schiffchen: „Der sitzt fest und geht nicht auf. Nur noch dann, wenn ich es will!“

Ich bedanke mich schüchtern bei Josef Demmel, der kein Geld möchte und kündige einen nächsten Besuch mit weiteren Aufträgen an. „Bringen Sie alles her! Ich restauriere alles! Kennengelernt haben wir uns ja schon Mal!“ Und weil ich diese kostenlose Dienstleistung nicht annehmen kann, holt Demmel mir zu liebe eine Dose heraus und sagt: „Na gut, wenn Sie sich dann besser fühlen…, ich schlucke alles!“ Draussen hat es wieder angefangen zu schneien und ich ziehe meinen leeren Rucksack das erste Mal an diesem Tag wieder auf. Wandere über den Viktualienmarkt, vorbei an der geradezu kleinwüchsigen Bronzestatue des Münchner Schriftstellers Siggi Sommer vor dem Schreibwarengeschäft Kautbullinger, hinüber zur Staatsbibliothek in der Ludwigstrasse und später weiter zur U-Bahn Station „Universität“. Dort treffe ich auf dem überfüllten Bahnsteig eine alte Bekannte, Elisa Pedrozo, die ich schon einige Jahre nicht mehr gesehen habe und ich sie erst nicht erkannt habe, weil sie einmal lange blonde Haare hatte und jetzt ihre kurzen, natürlichen, braunen Haare unter einer blauen Mütze trägt. „Jetzt habe ich eben wieder mein echtes Haar.“, sagt Elisa trocken in ihrer charmanten, klaren und entwaffnenden Art und Weise.

Das letzte Mal haben wir uns glaube ich auf einer Party unterhalten, weit nach Mitternacht irgendwo in Schwabing. Ich sage etwas überrumpelt von dem plötzlichen Wiedersehen: „Ich habe gerade meinen Rucksack reparieren lassen.“ Elisa schaut mich etwas ratlos an und fragt mich: „Und, wohin geht die Reise?“

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