Eine Bemerkung zu Dieter Nuhr

Dummschwätzer Nuhr hatte in seinem Intro zum Satiregipfel Januar 2011 verlauten lassen, das Kabarett und die Deutschen hätten einen Zeugen-Jehova-Hang zur Weltuntergangsstimmung.

Ich hatte dem entgegengesetzt, dass solche Stimmungen allerdings 1. ihre Anlässe hätten und 2. nicht deutsch-spezifisch sind. Für diese Behauptung habe ich drei Zeugen angeführt: Karl Kraus (Die letzten Tage der Menschheit, 1. Weltkrieg), Samuel Beckett (Endspiel, 2. Weltkrieg und Naziherrschaft), Ross Macdonald (Ölkatastrophe im Pazifik).

Nun hat mir der Deutschlandfunk einen weiteren Autor ins Ohr gespült, der meine Beobachtung bestätigt: er ist ebenfalls kein Deutscher, sondern Iraner, und sein Buchtitel lautet:

“Das Weltende liegt nahe”.

Siehe die Kulturpresseschau auf Deutschlandfunk vom 1. Februar 2011 beziehungsweise Deutschlandradio vom 31. 1. 2011 (Nicht mehr auf der Webseite vom DLF verfügbar.)

Autorin: Adelheid Wedel:

>>”Eineinhalb Jahre nach der grünen Revolution glaubt das iranische Regime vor allem mit Repression die komplette Kontrolle zurückgewinnen zu können. Die zahlreichen Attacken gelten nun verstärkt den Kulturschaffenden”, berichtet Bahman Nirumand in der Tageszeitung TAZ.

Er führt dafür eine Menge Fakten an. Eine besonders ernste Gefahr sieht er in einer 63-seitigen Broschüre, die jetzt unter dem Titel “Das bunte Geflüster” vermutlich “im Auftrag des Ministeriums für islamische Führung” von einer sogenannten “Denkfabrik für sanfte Sicherheit” vorgelegt wurde und zum internen Gebrauch für Regierung und Sicherheitsdienste bestimmt ist. Dieses Werk “fordert die Justiz auf zu handeln, ehe es zu spät ist”, denn:

“Nahezu täglich tauchten neue Varianten einer von langer Hand geplanten Strategie des Umsturzes auf”.

Nirumand zählt zahlreiche Beispiele für die Verfolgung und Unterdrückung kritischen Denkens im Iran heute auf. 2009 begann “eine neue Phase der Repression; Künstler und Autoren, die nicht bereit sind, sich dem Diktat der Staatsführung zu unterwerfen, sollten entweder fortan schweigen oder das Land verlassen”. Dem Schriftsteller Ehsam Noruzi zum Beispiel werden von den Gottesmännern umstürzlerische Absichten unterstellt, weil er schreibt:

In dieser Stadt musst du als Erstes lernen, deine Träume zu vergessen. Denn was du im wachen Zustand siehst, ist die Wirklichkeit deiner Albträume.”

Ahmed Sadri, Verfasser des Buches “Das Weltende liegt nah”, wird als Atheist beschimpft, “weil er von einer Welt schwärme, in der alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben und ihren Neigungen, durch Dialog und gegenseitigen Kompromiss die Probleme demokratisch lösen und sich gemeinsam für einen fortschrittlichen, modernen und demokratischen Iran einsetzen”.<<

Was Esham Noruzi sagt, kann man auch auf Deutschland anwenden:

“Vergiss deine Träume, wenn du Fernsehen schaust, vergiss deine Träume, wenn du die Presse liest, vergiss deine Träume beim Anblick der Politiker Denn was du im wachen Zustand siehst, ist die Wirklichkeit deiner Albträume.”

Zum Artikel in der taz geht es hier:

http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/der-staatsfeind-ist-ein-kuenstler/

hier das zitat, die zitate von ross macdonald

ZITATOR: “Sie, die Menschen, haben die Küste von San Diego bis zum Golden Gate mit ihrer Architektur verunstaltet, sie haben riesige Autobahnen durch die Berge gerammt, tausend Jahre alten Baumwuchs mit einem Schlag gefällt und ein Dickicht, das sie Stadt nennen, inmitten der Wüste errichtet. Der Ozean hingegen ist unantastbar. Die Menschen schütten zwar ihre Abfälle hinein, aber sie können ihm nichts anhaben.”

SPRECHER: Macdonald schrieb das 1950 in dem Roman “The Drowning Pool”. Damals glaubte er noch an die Unverletzbarkeit des scheinbar unermeßlichen Ozeans. Lew Archer erfährt ihn als kühl und rein, und obwohl es nicht ausgesprochen wird, kann man sich vorstellen, daß in der klaren Weite des Meeres sich die unendliche Weite des Himmels spiegelt. Es ist ein Bild räumlicher Monochromie: ” a long blue space” – eine als befreiend empfundene Leere, es ist ein Aufatmen und zur Ruhe kommen. “(…) auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, ‚sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung (…)‘”, das empfiehlt Adorno 1944 in der ‚Minima Moralia‘ anstelle des Prozesses der Zivilisation:
Frei zu sein von einem Beziehungsgeflecht der Menschheit, das einen jeden zum Gefangenen macht, das jeden an die Schwerkraft der gegenseitig sich verstärkenden Eitelkeiten, Profitinteressen, Machtgelüste fesselt, das die Menschen verstrickt hält in der Kumulation der Abwehrmechanismen, der Vermeidung narzißtischer Kränkungen, der Gleichgültigkeit, der Abstumpfung und der Lebenslügen.
Im Verlaufe der Jahrzehnte seines Schreibens hat Ross Macdonald die Erfahrung fortschreitender Naturzerstörung machen müssen, und er hat diese Erfahrung in seinem 1973 erschienenen Buch ‚Sleeping Beauty‘ am stärksten verarbeitet. Auslöser und Hintergrund der Handlung ist eine Ölkatastrophe, die deutlich macht, wie verletzbar der Ozean mittlerweile geworden ist. Das reine Blau ist empfindlich gestört durch die konkrete Expressivität des aus einem Bohrturm auslaufenden Erdöls.

ZITATOR: “Eine im Meer befindliche Ölplattform ragte mit ihrer Windseite aus dem Wasser wie der Metallgriff eines Dolches, mit dem man die Erde verwundet hatte, so daß sie schwarzes Blut spuckte. (…) Vom Hügel oberhalb des Hafens konnte ich die unförmige Ölmasse beobachten, die wie eine vorzeitige Nacht über dem Meer heraufzog.”

SPRECHER: Die Refugien schwinden, in denen ein Aufatmen noch möglich ist; Archer verfällt in eine Endzeitstimmung:

ZITATOR: “Ich ging hinunter zum öffentlichen Strand (…). Ein paar Leute standen am Rande des Wassers und blickten hinaus aufs Meer. Sie sahen aus, als ob sie auf den Untergang der Welt warteten oder als wäre das Ende bereits gekommen, und sie würden sich nie wieder von der Stelle rühren. (…) Der Wind hatte seine Richtung geändert, und plötzlich roch ich das Öl. Es roch nach etwas, das gestorben war, aber niemals gänzlich verwesen sollte.”

http://www.klaus-baum.info/essays-zur-literatur/klaus-baum-radioessay-macdonald/

((A few people (…) were standing at the edge of the water, facing out to sea. They looked as if they were waiting for the end of the world, or as if the end had come and they would never move again ….))

Dergleichen hat nun nichts mit den Zeugen Jehovas zu tun. Wie Nuhr seine Pointen setzt, zeigt zugleich eine Technik der Manipulation und Verunglimpfung. Man spreche gewissen Leuten, die allgemein als Idioten gelten, gewisse Ansichten zu, und sage dann, wer diese Ansichten habe, der gehöre auch zu diesen Idioten. Endzeitstimmung gibt es bei den Zeugen Jevohas. Zeugen Jehovas sind Idioten. Wer also ebenfalls Endzeitstimmung äußert, ist ein ebensolcher Idiot wie die Zeugen Jehovas.

Es lohnt sich, die Nuhrschen Auftritte nach solch einem Muster der Identifizierung durchzugehen.

Nuhr sinngemäß: Die DDR nahm eine Mark ein, spendete vier für Soziales (Lacher im Publikum: Ja, ja, so was von Idiotie.) Kein Wunder, dass das System unterm Arsch zusammenbrach. Wer also heutzutage in Deutschland Geld für soziale Leistungen ausgibt, arbeitet daran, dass Deutschland uns unterm Arsch zusammenbricht.

Was aber Herr Nuhr, wenn der Stuhl, der uns unterm Arsch zusammenbricht, von IKEA stammt, denn IKEA zahlt keine Steuern.

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