„Glückliche Tage“ von Samuel Beckett

Premiere: 14. April 2013, 20 Uhr, Studiobühne I, Fabrik Heeder in Krefeld. —–
Samuel Beckett (1906-1986) verfasste zahlreiche Theaterstücke, Prosatexte und Romane. Mit Warten auf Godot wurde der irische Autor weltberühmt. In Glückliche Tage (1961) setzt sich der Nobelpreisträger Beckett auf grotesk-komische Art mit der Leere und scheinbaren Absurdität unseres Daseins auseinander:

Zwei Menschen in einer wüsten Landschaft. Die Sonne gleißt unerbittlich. Winnie steckt in einem Erdhügel, man sieht nur noch Oberkörper und Arme. Unterhalb von ihr, in einem Loch, wohnt Willie. Er kann nur noch kriechen und Winnie ist für ihn nicht mehr erreichbar.

Das Paar befindet sich in der Endphase seiner Beziehung. Während Willie das Schweigen gewählt hat, plaudert Winnie fast ununterbrochen und glaubt noch immer, Willie könne ohne sie nicht leben. Winnie bemüht sich um die Pflege des übrig gebliebenen Oberkörpers – doch Sexualität bleibt ohne Unterleib unmöglich. Als Willie schließlich gänzlich aus ihrem Sichtfeld verschwunden und Winnie bis zum Hals im Hügel versunken ist – erwacht eine letzte erotische Aufwallung in Willie …

Nicholas Monu, der auch für die Regie von Hagel auf Zamfara (UA) in der Reihe Außereuropäisches Theater verantwortlich zeichnet, arbeitet als Schauspieler und Regisseur in Deutschland, Österreich, Großbritannien und Nigeria. Neben Stationen an der Schaubühne Berlin und dem Wiener Burgtheater spielte er u. a. im Tatort der ARD mit.

Inszenierung: Nicholas Monu

Bühne und Kostüme: Udo Hesse

Dramaturgie: Barbara Kastner

Mit: Esther Keil; Michael Grosse

Weitere Termine: 26. April; 12., 18., 23., 31. Mai 2013

Alle Vorstellungen beginnen um 20 Uhr.

Quelle:

http://www.theaterkompass.de/news-einzelansicht+M583ac85cd2e.html
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Hier geht es zu Becketts „Film“

esse est percipi 
“To be is to be perceived”
~George Berkeley

Bring up Samuel Beckett, and most people will be familiar with “Waiting for Godot,” or perhaps even “Krapp’s Last Tape” and “Endgame” if they’re a bit more adventurous in their reading and theater-going. Known for his existential, absurdist brand of minimalism, Beckett isn’t exactly easy reading, even though he was the exact opposite of his idol and mentor, James Joyce. While Joyce was a kaleidoscopic maximalist, and the progenitor of Thomas Pynchon, David Foster Wallace and William T. Vollman, Beckett wrote elliptical, darkly humorous works of existential absurdism. Beckett’s style paved the way for novelists and playwrights such as William S. Burroughs, Harold Pinter and even Charlie Kaufman‘s brand of cinema.

Mehr Text und FILM in voller Länge hier:

http://www.deathandtaxesmag.com/196507/samuel-becketts-film-what-it-can-tell-us-about-internet-surveillance/

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What Would Thomas Bernhard Do?

Exklusive erste Einblicke in das vom 17. – 26. Mai stattfindende Festival.

Datum: 08.05., 17-22 Uhr
Ort: Kunsthalle Wien MuseumsQuartier

Die Kunsthalle Wien veranstaltet als Auftakt ihrer Neu-Positionierung ein zehntägiges Festival, das sich zentralen Fragen unserer Gesellschaft widmet. Am 8.Mai gibt Dir. Nicolas Schaffhausen erste exklusive Einblicke in das Festival.

WWTBD – What Would Thomas Bernhard Do greift die Tradition des kritischen wie unbequemen Denkens Thomas Bernhards auf, überträgt es in die heutige Zeit und fächert es in verschiedene Disziplinen im Sinne einer prägnanten Gegenwartsanalyse auf.

Rund einhundert Akteure aus bildender Kunst, Musik, Literatur, Kunsttheorie, Soziologie, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften wirken an einem spektakulären wie innovativen Bühnenstück mit. In unterschiedlichen Tempi und Tonalitäten werden sechs bis zwölf Akte pro Tag so moduliert, dass sie als Einzelevent funktionieren und gleichzeitig Bestandteil jenes Gesamttableaus werden, das WWTBD im Laufe seiner zehntägigen Spielzeit formiert. Sowohl die eingeladenen DarstellerInnen, die in choreografierter Abfolge und in unterschiedlichen Formaten aufeinandertreffen, wie auch die anwesenden BesucherInnen sind produktiv in das Geschehen involviert und öffnen Interpretationsspielräume entlang der Bruchlinien unserer Gesellschaft.

Das Festival findet vom 17. – 26. Mai (täglich 14 bis 2 Uhr) statt.

 

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The Full Irish: Samuel-Beckett-Talk

Im Rahmen des Full Irish-Festivals diskutieren bei diesem hochkarätig besetzten Podiumstalk drei weltweit renommierte Beckett-Experten über die Arbeit mit dem irischen Nobelpreisträger und natürlich seinen Texten.; hosted by: Gaby Hartel

Walter Asmus war Samuel Becketts Assistent bei Becketts berühmter Inszenierung von Warten auf Godot 1975 am Berliner Schiller-Theater und arbeitete anschließend bis zu Becketts Tod 1989 mit ihm zusammen. Er hat auf Bühnen weltweit alle Theatertexte Beckett inszeniert. Seine Interpretation von Waiting for Godot 1991 am Gate Theatre in Dublin wurde bis 2008 mehrfach wieder auf genommen, tourte weltweit und gilt bei Kritikern und Beckettforschern als die „definitive“ Inszenierung.

Conor Lovett gilt weltweit als der herausragende Beckett-Darsteller und -interpret unserer Zeit. Er arbeitet seit 1991 als Gare St. Lazare Players mit seiner Frau und Regisseurin Judy Hegarty Lovett zusammen. Er spielte seine Bühnenversion von Becketts Roman Molloy seit 1996 in über 100 Theatern weltweit (2001 auch am English Theater Berlin). Zu seinen anderen Beckett-Adaptionen gehören Endgame, A Piece of Monologue, What Where, Act Without Words 1, Rough for Theatre 1, Act Without Words 2, Texts for Nothing und First Love.

Öffnungszeiten: 20.00

Wann: Samstag, 11.05.2013

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Becketts Überreste unter einem Stein …

…. auf dem Friedhof Montparnasse entdeckt. Er ist, entgegen der Behauptung einiger seiner Anhänger, nicht auferstanden. Dennoch lebt sein Geist weiter.

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Entgleiste Schiffchen von Jan Bosse

Seit mehr als einem Jahr ist der Reißverschluß meines Rucksacks, der mich eigentlich auf jede Reise begleitet, kaputt. Kaputt, sagt auch der Schuster später. Daß ich zum Schuster soll, sagte die Frau Reidinger im Sportgeschäft in Giesing, wo ich den „Grand Canyon 55“ im Winter 2009 gekauft habe: „Gehen`s zu unserem Schuster neben dem Ostfriedhof, da schicken wir unsere Kunden immer hin“. Doch ich gehe zur Schneiderin neben dem Postamt im Westend, einer Bosnierin, bei der sich drei Männer gerade neben ihrer Heizung aufwärmen und Tee trinken. Draußen, hinter schweren Vorhängen liegt Neuschnee an den unbefahrenen Rändern der Kopfstein gepflasterten Bergmannstraße. „Nein, ich kann den Rucksack nicht reparieren,“ sagt sie „oder kann man das Oberteil abnehmen ? Sonst komm‘ ich nämlich mit meinen Maschinen nicht herum. Teuer wird das aber! Haben Sie noch Garantie ? Bei Northface lebenslang. Was ist das für eine Marke?“ „Es gibt keine Marke, die lebenslang Reißverschlüsse garantiert,“ sagt mir die Frau Reidinger am Telefon, als ich wieder zu Hause war.

Und wessen Leben war überhaupt gemeint, fragte ich mich, als ich den Hörer auflegte und mich auf die Suche nach einem Schuster mache, wie die Frau Reidinger mir ja schon von Anfang an empfohlen hatte.

Der türkische Schuster aus meinem Viertel und nicht vom Ostfriedhof schüttelt den Kopf beim Anblick des aus dem Reißverschluß entglittenen Schiffchens. In die Herzog- Wilhelm-Straße 27 soll ich fahren, wie alle seine Kunden mit entgleisten Schiffchen. Im Lederwarenhandel Meier ist viel Betrieb. Viele Männer um die vierzig wenden sich vor Spiegeln im Kreis und schauen sich über ihre Schultern an, wie der neue Pelzkragen sich da macht auf ihren alten, verrauchten Fliegerlederjacken. „Was wollen’s? Ein Schiffchen ? Einen Zipper ?! Na, so was haben wir nicht. Oder Erwin ? Haben wir Zipper?!“ Ich verhandele und sage: „Aber mein Schuster aus dem Westend, der Herr Altinisik aus der Gollierstrasse, der hat mir gerade gesagt, daß er alle seine Kunden zu Ihnen schickt, immer dann, wenn sie neue Schiffchen brauchen.“ „Na, Zipper haben wir nicht. Warten’s“. Die Dame, die sich nicht lange mit mir aufhalten will, weil zu dieser Nachmittagsstunde ein rechter Wirbel im Geschäft ist, drückt mir eine Packung Streichhölzer in die Hand. „Da, nehmen Sie die. Da steht alles drauf. Gehen’s dort hin, der hat noch Schiffchen.“ Obwohl ich selten noch eine rauche wegen der Gesundheit, hätt‘ ich jetzt schon Lust, aber lese dann lieber nur die Aufschrift:

Josef Demmel, Schnittmuster und Knopflöcher

Hans-Sachs-Straße 15

80469 München

Ihr Spezialist für Knopflöcher

Mit der gelben Streichholz Schachtel in der rechten und dem roten Rucksack in der linken Hand wandere ich weiter ins Glockenbachviertel. Hans-Sachs-Straße 15. Vorbei an Boutiquen, Cafés und Galerien mit Kunst von Südsee Inseln, laufe ich die Strasse runter und schaue auf die Hausnummern, die schon die Nummer 13 anzeigen. Nein, den Laden wird es wohl nicht mehr geben, denke ich mir. Doch nicht mehr hier. Doch dann gibt es da doch eine kleine Tür unter der Hausnummer 15. Dazu ein von innen verbarrikadiertes Schaufenster ohne Auslage. Mit dem Ende der aufgeschwungenen Tür endet auch der Empfangsraum des Ladens. Kaum grösser als zwei Quadratmeter ist der Verschlag, in dem ich auf Herrn Demmel warte. Seine Stimme höre ich aber schon, als hätte er mich schon kommen sehen mit meinem roten Wanderrucksack: „Was gibt’s denn, was gibt’s denn?“. Gleich zweimal hintereinander fragt mich Demmel etwas vorwurfsvoll, dann noch einmal durch eine kleine ebenfalls verbarrikadierte Durchreiche. Weil ich dazu aufgefordert werde, bringe ich wie ein wohl erzogener Knabe ganz höflich mein Anliegen in der ganzen Not vor der leeren Durchreiche vor, als hätten mich meine Eltern geschickt:

„Also der Schuster im Westend, der Herr Altinisik hat mir gesagt, ich soll in das Ledergeschäft gehen in der Herzog- Wilhelm Straße. Aber die Verkäuferin bei Meier hat mir gesagt, daß das nicht sein kann. Sie könne mir keinen Zipper für meinen Rucksack geben. Und dann hat sie mir diese Streichhölzer hier geschenkt und da solle ich hin, wie es drauf steht. Da, in die Hans-Sachs-Straße 15, zu Ihnen. Also Herr Demmel, haben Sie ein passendes Schiffchen für mich?“ und zeige ihm die Streichhölzer. Dann verschwindet Herr Demmel, ohne mich anzuschauen, kommentarlos und so schnell, wie er aufgetaucht ist, mit meinem roten Rucksack, zurück hinter seine Trennwand,  und ich höre ihn hämmern und klopfen: Zing, Kling, Bling, Klock, Zing. Und dazu ruft er immer wieder im Rhythmus triumphierend: „Ich verrat’s ihnen nicht, ich verrat’s ihnen nicht! Da können’s fragen, so lang sie wollen, da können’s fragen, so lang sie wollen!“. Ich setze mich auf einen kleinen Hocker und denke an die asynkopischen Betonungen der Worte in den Dialogen des Filmes „Klassenverhältnise“, basierend auf Kafka’s „Amerika“ Erzählung von Jean Marie Straub und Danielle Huillet, den ich einmal bei Helmut Färber in der Filmhochschule gesehen habe. 1998 war das. Jetzt klingelt das Telefon. So ein Telefon mit Außenglocke wie in großen Fabrikhallen oder Proberäumen von deutschen Stadttheatern des letzten Jahrhunderts.

Ein richtiges Klingeln, wie die alten Telefone der Deutschen Post. Ein richtiges Kling Kling. Bring Bring auf 18 Quadratmetern. Herr Demmel meldet sich vernuschelt nur „Demmel“, als ob ihm Anrufer von vorneherein lästig sind. Doch dann, nach einer Schrecksekunde, braust er auf. So aufbrausend, wie ich mir einen Opernregisseur vorstelle, zum Beispiel an der Wiener Staatsoper bei der Probe für eine Wiederaufnahme einer alten, erfolgreichen „Tosca“ Inszenierung, die das Publikum wegen ihrer werktreuen Regie immer wieder sehen will und dann plötzlich aus Dankbarkeit für frühe Siege die gefeierte Sängerin des gestrigen Premierenabends unverhofft bei ihrem alten Mentor vorbeischaut, berauscht von einer Premiere, die nicht mehr unter seiner Regie stattfand: „Also Ski fahren gehst Du meine Liebe, Ja Wahnsinn!! – jetzt brich Dir bitte nicht die Knochen meine Liebste – Also bis Montag ich komm dann gleich zu Dir! Als erstes in der Früh! Als aller, aller, aller erstes. Selbstverständlich Verehrteste. Wie immer zu Diensten!“ Und dann taucht Josef Demmel nach einer langen stillen Pause hinter der Durchreiche auf. Taucht auf, wie ein Puppenspieler eines ehrwürdigen Prager Marionetten Theaters mit scharfen Gesichtszügen als hätte er einmal Modell gestanden in einem expressionistischen Gemälde.

Und in die letzten Ausläufern seines plötzlich einsetzenden Reizhustens sagt Joseph Demmel: „Probieren Sie, Probieren Sie!! Überzeugen Sie sich selbst! – Ziehen Sie auf und ziehen Sie zu!- Ziehen Sie auf und ziehen Sie zu! Bitte Bitte! Machen Sie sich selbst ein Bild“ „Ja, das Schiffchen gleitet wieder reibungslos auf und zu,“ sage ich, während ich es versonnen und erleichtert und würdigend mehrfach langsam hin und her bewege und jeden Zahn dabei klingen lasse. Dann wartet Demmel noch einen weiteren langen Augenblick und schaut mir tief in die Augen. Dann sagt er ruhig und gefasst in die Stille: „Sie müssen Reißverschlüsse so gut behandeln wie Ihren Geliebten.“ Dann macht er noch mal eine Pause und ergänzt: „Oder natürlich wie Ihre Geliebte! und betont ausdrücklich das „E“ und schaut mich prüfend an, welche Wahl die meine ist. Nach einer weiteren langen Pause ergänzt Demmel etwas enttäuscht hinsichtlich meiner Reaktion auf meine zweite Wahl beiläufig: “Meinem Sohn sag‘ ich das auch immer, aber der hört nicht mehr auf mich. Dann hält nämlich alles besser. Die Beziehung und der Rucksack!“ Josef Demmel zieht jetzt den alten schwarzen Wollpullover hoch und zeigt mir seinen Hosenlatz mit neuem golden glitzerndem Reißverschluß und fest verhaktem silber funkelndem Schiffchen: „Der sitzt fest und geht nicht auf. Nur noch dann, wenn ich es will!“

Ich bedanke mich schüchtern bei Josef Demmel, der kein Geld möchte und kündige einen nächsten Besuch mit weiteren Aufträgen an. „Bringen Sie alles her! Ich restauriere alles! Kennengelernt haben wir uns ja schon Mal!“ Und weil ich diese kostenlose Dienstleistung nicht annehmen kann, holt Demmel mir zu liebe eine Dose heraus und sagt: „Na gut, wenn Sie sich dann besser fühlen…, ich schlucke alles!“ Draussen hat es wieder angefangen zu schneien und ich ziehe meinen leeren Rucksack das erste Mal an diesem Tag wieder auf. Wandere über den Viktualienmarkt, vorbei an der geradezu kleinwüchsigen Bronzestatue des Münchner Schriftstellers Siggi Sommer vor dem Schreibwarengeschäft Kautbullinger, hinüber zur Staatsbibliothek in der Ludwigstrasse und später weiter zur U-Bahn Station „Universität“. Dort treffe ich auf dem überfüllten Bahnsteig eine alte Bekannte, Elisa Pedrozo, die ich schon einige Jahre nicht mehr gesehen habe und ich sie erst nicht erkannt habe, weil sie einmal lange blonde Haare hatte und jetzt ihre kurzen, natürlichen, braunen Haare unter einer blauen Mütze trägt. „Jetzt habe ich eben wieder mein echtes Haar.“, sagt Elisa trocken in ihrer charmanten, klaren und entwaffnenden Art und Weise.

Das letzte Mal haben wir uns glaube ich auf einer Party unterhalten, weit nach Mitternacht irgendwo in Schwabing. Ich sage etwas überrumpelt von dem plötzlichen Wiedersehen: „Ich habe gerade meinen Rucksack reparieren lassen.“ Elisa schaut mich etwas ratlos an und fragt mich: „Und, wohin geht die Reise?“

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Jean Paul: Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei.


„Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, en- ger und heißer herein zog. Über mir hört‘ ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhun- derte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«

Er antwortete: »Es ist keiner.«

Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den an- dern wurde durch das Zittern zertrennt.

Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ‚Vater, wo bist du?‘ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus We- sen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«

Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Ges- talt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömen- den Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«

Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach – und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei – und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen

durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.

Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irr- lichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswe- hest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?…..

Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Na- tur oder nur sein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totena- sche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hin- unter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen – Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. – Erkennst du deine Erde?«

Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: »Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt‘ ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durch- stochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ‚Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!’… Ach ihr überglücklichen Erdenb-e wohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: ‚auch mich kennst du, Unend-li cher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.‘ … Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde logt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewi- gen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! – Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren.«

Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobe- nen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten- All gelagert hatte – und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um die Natur – und quetschte die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles wurde eng, düster, bang – und ein unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern…. als ich erwachte.

Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abend- rotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.“

Anmerkung: Das Subjekt der Gegenwart wacht nicht mehr mit Jean Paul auf, sondern mit Beckett. Es erwacht in der Trostlosigkeit.
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Robert Walser

Robert Walser

Überschneidungen von Leben und Literatur, Kunst und Psychiatrie

Internationale Konferenz
Mittwoch, 3. April 2013, 9:00 – 17:00 Uhr
UC Berkeley
Institute of European Studies
201 Moses Hall
Berkeley
Englisch
+ 1 (510) 5405678
Robert Walser, 1942 (photographer: Carl Seelig). © Keystone / Robert Walser-Stiftung Bern

Das einzigartige Werk und die außergewöhnliche Biographie des Schweizer Schriftstellers Robert Walser (1878-1956) gewannen in den letzten Jahrzehnten das Interesse einer breiten, internationalen Leserschaft. Zu seiner Zeit lebte und schrieb Walser jedoch am Rande der Gesellschaft. Viele seiner prominentesten Bewunderer porträtieren ihn daher als einen Prototypen des vom Schicksal gezeichneten, zeitgenössischen Schriftstellers. Walsers Lebensgeschichte scheint angesichts der zentralen Bedeutung des Schreibens sowie seines psychischen Leidens dazu prädestiniert zu sein, aus einer Perspektive betrachtet zu werden, welche die künstlerische Produktivität mit der psychischen Erkrankung kombiniert. Diese Sichtweise, welche sowohl von historischer wie auch von gegenwärtiger Bedeutung ist, wird das zentrale Thema der Konferenz sein. Damit wird Bezug auf die aktuelle Debatte über „Genie und Wahnsinn“ genommen, vor allem in Hinblick auf Walsers Entscheidung, als Autor zu schweigen und stattdessen sein geheimnisvolles Mikrogramm zu schreiben. Aber diese Sichtweise erfordert auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Walsers Werke in der Gegenwart zu „übersetzen“ – sei es in andere Sprachen oder in andere künstlerische Formen.Mit der Konferenz soll ein Dialog über die Fächergrenzen hinweg angestoßen werden, um auf diese Weise neue Einblicke in die Beziehung zwischen Kunst, Abweichung und Wahnsinn zu förden. Dies soll durch die Verknüpfung von historischen Perspektiven in den Bereichen Literatur und Psychiatrie mit zeitgenössischen künstlerischen und literarischen Aktivitäten und Projekten geschehen. Eine ausgewählte Gruppe von Walser-Spezialisten wurde gebeten, das Thema der Konferenz aus einer Vielzahl von Perspektiven zu diskutieren, sowohl aus der Sicht der Übersetzung und des literarischen Schreibens als auch aus Sicht der bildenden Kunst, der Psychoanalyse und des akademischen Kontextes.

Die Konferenz besteht aus zwei Teilen: Am Vor- und Nachmittag stellen die Referenten ihre Forschungsergebnisse im Faculty Club der UC Berkeley vor. Beim anschließenden Abendprogramm geben die prominenten Übersetzer und Literaturwissenschaftler Susan Bernofsky und Mark Harman im Hauptsitz der swissnex in San Francisco Einblick in ihre Arbeit.

Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit dem Department of German der Univerisity of California Berkeley, dem Generalkonsulat der Schweiz in San Francisco, dem Robert Walser-Zentrum Bern, swissnex San Francisco und dem Center for the Art of Translation statt.

Links zum Thema
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Quote from „All That Fall“

We could have saved sixpence. We saved fivepence. (Pause) But at what cost?

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Ist Beckett am Ende?

Wer will das wissen?

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