Wussten sie schon, dass es eine Proust-Gesellschaft gibt?

Das Licht der Welt erblickte die Marcel Proust Gesellschaft am 18. November 1982. Ihr Geburtshelfer ist der Kölner Kunstsammler Reiner Speck, der den 30. Geburtstag der Gesellschaft mit einer Matinee im Museum für Angewandte Kunst und der anschließenden Eröffnung einer Ausstellung in der „Bibliotheca Proustiana R. S.“ feierte. 450 Mitglieder gehören der Proust-Vereinigung an – damit ist sie die größte Gesellschaft in Deutschland, die sich einem ausländischen Autor widmet.

Zur Ausstellung
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Die Ausstellung „30 Jahre Marcel Proust Gesellschaft“ ist in der Bibliotheca Proustiana R.S., Kämpchensweg 58 in Köln zu besichtigen. Öffnungszeiten: Mi. 17–19 Uhr, Sa. und So. 11–13 Uhr.Marcel Proust wurde als Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris.

In seiner Eröffnungsansprache sagte Speck, dass begeisterte Proust-Leser immer auch Vermittler sein wollten. Eben solche, „die mit Hilfe ihrer Lektüre-Erfahrung nicht nur ihr eigenes Leben geändert haben“, sondern mit Proust versucht hätten, „in andere Köpfe und Herzen einzudringen“. Dabei drehte sich Specks Vortrag vor allem um „die Entstehung der Proust Gesellschaft aus dem Geist einer Bibliothek“. Innerhalb weniger Monate entstand der in Leder gebundene Ausstellungskatalog „Marcel Proust – Werk und Wirkung“ mit einem eigens hergestellten Faksimile der bis dahin nicht bekannten Proust-Handschrift aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, („À la recherche du temps perdu“), dem zwischen 1913 und 1927 erschienene Herz- und Hauptstück des französischen Schriftstellers.

Quelle und mehr:

http://www.ksta.de/kultur/ausstellung-entdeckungsreise-zu-prousts-schaetzen,15189520,20911474.html

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Samuel Beckett: Physics and Poetics

Samuel Beckett: Physics and Poetics

Essay on Beckett’s poetics posted on The Literateur
Samuel Beckett’s Act Without Words II (dir. Peter Brook and Marie Hélène Estienne)

Nikolai Duffy’s ‘Samuel Beckett: Physics and Poetics’ is an essay that ‚addresses the influence of Beckett’s engagement with physics, particularly during the 1930s but also more broadly throughout his career, on the development of his own writing style and mature poetics.‘ [Read More]

Übernahme von:

http://www.apieceofmonologue.com/2012/11/samuel-beckett-physics-poetics-duffy.html

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He Joe mit Deryk Mendel

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Erika Tophovens glückliche Jahre in Paris

SAMUEL BECKETT UND SEINE ÜBERSETZERIN

ERIKA TOPHOVEN ÜBER „GLÜCKLICHE JAHRE“ IN PARIS
Schaustelle des Stadtmuseums
Samuel Beckett, Erika und Elmar Tophoven

Gespräch und Film

Erika Tophoven (Berlin), zusammen mit ihrem verstorbenen Mann Elmar Tophoven Übersetzerin der Werke Samuel Becketts, spricht anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches „Glückliche Jahre“ (2011) über ihre vielen persönlichen Begegnungen mit dem irischen Nobelpreisträger des Jahres 1969. Frau Tophovens Gesprächspartner ist der Beckett-Forscher Professor Rolf Breuer (Universität Paderborn). Im Anschluss wird der Film „Portrait Beckett“ aus dem Jahr 1969 gezeigt (Radio Bremen).

ORT

Schaustelle des Stadtmuseums

Wilhelmsstraße 2
34117 Kassel
Tel.: 0561.787-1400
stadtmuseum@stadt-kassel.de
www.stadtmuseum-kassel.info

VERANSTALTER

Samuel Beckett Gesellschaft

c/o Konstanze Liebelt
info@beckett-gesellschaft.de
www.beckett-gesellschaft.de

Erika Tophoven mit Professor Breuer in der Schaustelle des Stadtmuseums Kassel heute am Nachmittag, 17. 12. 2012

Aufs Foto klicken, um es zu vergrößern.
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Straßenszene, Paris 1962
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Peer Schröder: Beats

Beats in Kassel. Ein Brief

Göttingen, 10. März 1980

Ich will dir hier ein wenig über eine kleine Begebenheit aus der langen Zeit erzählen, in der wir uns nicht gesehen haben, wenn du magst.

Letztes Jahr Mitte Oktober oder so erfuhren wir, dass Allen Ginsberg, Peter Orlovsky und Stephen Taylor in Europa unterwegs seien und Anfang Dezember nach Kassel kommen würden.

Am 10. Dezember sollte es dann soweit sein. In der Ingenieur-Schule. Ein paar Tage vor dem Auftritt bat mich Michael Kellner aus Hamburg, ich solle Udo Eigelt in Kassel anrufen, der damals noch ZDL in der Werkstatt Kassel e.V. war, die die Beats eingeladen hatte. Und mit dem ich sowieso öfters in Kassel rumhing. Ja, und da ich ein Auto zur Verfügung hatte, sollte ich Ginsberg & Co vom Hauptbahnhof abholen.

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Ich fuhr morgens gegen halb 11 von Göttingen los und kaufte in Kassel bei Massa erst mal einen Kasten Martini-Bier, den ich mit zu Udo in den Kirchweg brachte. Wir hatten ja bis kurz nach 14 Uhr noch Zeit, redeten und spekulierten was weiter passieren würde, und wie es dann so gehen würde, wenn wir sie abholten. Tranken ein Bier & rauchten. Udo telefonierte aufgeregt, um irgend etwas zu organisieren, was scheints wichtig war. Jedenfalls solange, bis es allerhöchste Zeit wurde zum Bahnhof zu fahren. Durch den ganzen Verkehr durch, und dann auch noch eine Umleitung. Ich parkte am Nebeneingang. Udo ging aufs Klo während ich den richtigen Bahnsteig suchte. Ja, und an dem stand ein Vorortszug Wabern-Kassel, lustig, weil sie ja aus Düsseldorf anreisten. Ich ging weiter den Bahnsteig entlang bis zum Zugende und suchte mit den Augen ein wenig verwundert. Und als ich mich anschickte zurückzugehen, sah ich die Drei bei einem Haufen Gepäck suchend um sich schauend. Ich sauste hin, streckte die Hand aus: Welcome to Kassel! Allen fragte sogleich, wo Udo sei, weil sie von mir einen anderen Namen hörten. Ich ging einen Schritt voran, trug Gepäck, sie trugen Gepäck. Wie sollten wir das alles in den VW bekommen? I got only a little Volkswagen. Da kam auch Udo hinzu. Und wir liefen zu fünft redend und gestikulierend zum Ausgang. Ich fuhr das Auto vom Nebeneingang zum Haupteingang, wo sie dabei waren ihr Zeug in einem Taxi zu verstauen. Ich parkte, machte den Kofferraum und beide Türen auf, und da kam schon Allen mit seinem grauen Schal hinter sich her flatternd gerannt um einzusteigen. Und wir fuhren los. Bogen bei der Post ab.

How is that street called?

Friedrich-Ebert-Straße.

Who was he?

He was the first Reichspräsident of the Weimarer Republic…

Ah yeah

…since 1919.

Is it the main street of Kassel?

Oh no, but you can see the Wilhelmshöher Allee leading parallel to this here. The Wilhelmshöher Allee was built in a centered-perspective of the Barock to the Herkules which you can’t see from here.

Where can we buy B l ü t e n p o l l e n?

In the Tee- und Gewürzkontor. We will be there soon!

You know what bee ­pollen are?…

No

…they are healthy, Peter needs them every day. What do you call the big church this S t r a ß e leads to?

Friedenskirche.

What is F r i e d e n?

Peace

O

That’s the Peace Church, Church of Peace, you know.

Yeah ha –

In front of the Friedenskirche is the Karl-Marx-Platz.

O, was Karl Marx ever in Kassel?

Im Tee- und Gewürzkontor gab es keine Blütenpollen. Allen genoss den Duft verschiedener Tees, kaufte Lemon Tea und Anti-AKW-Aufkleber. Und dann gingen wir wieder mitten durch den Verkehr über die Straße, und Allen klebt einen großen Aufkleber auf sein kleines Harmonium. Where lives Udo, how far is it? – I will show you. – O. k.

Kaum waren wir in der Wohnung am Kirchweg, ich stand noch in der Tür, als Peter Orlovsky auf mich zu ging und mich aufforderte, ihn dorthin zu fahren, wo es Blütenpollen gäbe, denn seltsamerweise war er sich sicher, ich wüsste das. – I’m not sure, but lets try it. – And show me where we play tonight. Denn sie hatten ja Instrumente mitgebracht: zwei Gitarrenkoffer, aber in einem, wie sich herausstellte, war Peter’s Banjo. Ich habe dann mit dem VW gedreht, weil in der Wilhelmshöher Alle eine Umleitung war, und so mussten wir durch Nebenstraßen zum Naturkostladen fahren. Doch es gab auch dort keine Blütenpollen. Uns wurde aber gesagt, in der Wilhelmshöher Allee gäbe es einen Laden, und die hätten da bestimmt welche. Wir fuhren die Allee runter und ich sah, dass das Reformhaus gleich beim Kirchweg auf der anderen Straßenseite war. Wir konnten aber keinen U-Turn machen und deswegen fuhren wir, wie ich es mir gedacht hatte, bis zum Stoppschild an der Goethestraße. Und da fragte mich Peter: What do you think of Hitler? Im Reformhaus fanden wir ein Gläschen Blütenpollen. Do you like bee pollen?

Zurück zu Udo. Dort saßen wir in einem schön unaufgeräumten Zimmer. Udo und Detlef unterhielten sich mit Stephen Taylor, als Allen meinte: I want to sleep till half past six. Und Peter: Please show me a room where I can meditate for’n hour. Wir übrigen unterhielten uns, tranken Tee und Bier. Stephen ist Jahrgang 55 und Engländer, und er las uns ein paar Carl Weissner-Übersetzungen von Peter’s Gedichten vor. Wir lachten uns darüber fast kaputt. Stephen packte das Deutsch glänzend, obwohl er fast kein Wort vom Sinn her verstand, und wir sagten ihm von manchem die englische Bedeutung. I fand das so toll, dass ich ihm eins von meinen Büchelchen schenkte, das Udo da hatte.

Do you got some shit around here?

Ja, haben wir hier.

Do you imagine what s h i t is called in German: Shit is what you make a few times a day in the toilet. O yeah man, is that what you got to smoke?

O no, what we have to smoke is what we called G r a s, that is the same what you say: g r a s s – Kasseler Gras, but what he has is Hashish, you know?

I know.

Und so in dem Stil alberten wir weiter. Zwischendurch klingelte das Telefon, Stephen wurde angerufen. It is my girlfriend calling me from Paris, but the connection is bad cause she calls me from a telephon booth. Er erzählte uns von ihrem Auftritt in München, wo Allen großen Ärger mit den Behörden bekam, weil er öffentlich gesagt hatte, es gäbe politische Gefangene in der Bundesrepublik. Und dass sie spätestens am 23. Dezember in London sein müssten, weil dort ihre Maschine startete, die sie gebucht hatten. Sie bekamen pro Auftritt 1000 DM und die Fahrtspesen vom letzten Auftrittsort nach hier. Da sie nur in irgendwelchen Hotels übernachteten wo es ziemlich anonym war, freute er sich bei uns zu sein.

Dann kam Peter und fragte nach Haschisch … und sie rauchten ein bisschen, und schließlich kam der ausgeschlafene Allen, es war halb sieben, fragte, wo man nach dem Auftritt gut essen gehen könnte. Wir meinten, das würden wir später schon sehen. Und er wollte wissen, ob wir das Problem gelöst hätten, wer die Plutonian Ode aus dem Stegreif übersetzen könnte, aber wir hatten trotz Herumtelefonierens niemanden gefunden. Doch er hatte noch andere Gedichte zu denen er bereits eine Übersetzung parat hielt, und fragte, wer diese vorlesen wolle. Stephen sagte, das könnte ich machen: He is a poet, too.

Allen setzte sich zu mir und zeigte mir die Gedichte. Der Teil vier von Kaddish, bei dem die ersten Zeilen mit O mother… beginnen. Er las ein Stück in Englisch vor und ich wiederholte es auf Deutsch. Good, you will do it. Ein anderes war To Aunt Rose, aber das ließ er später fallen, nahm dafür ein in Zentral-Australien geschriebenes, zu dem er dann rhythmisch runde Holzstücke aneinander schlagen würde: Ayers Rock Uluru Song.

Schließlich war es Zeit sich auf den Weg zur Ingenieur-Schule zu machen. Aber ich wollte, dass wir zu Fuß gingen. Die Beats fanden das auch gut, und wir spazierten die Herkulesstraße entlang zur Querallee, uns darüber unterhaltend, wie Herkules zu den Goldenen Äpfel der Hesperiden gelangen konnte. Dabei kamen wir auf den hessischen Landgrafen, der seine Bauernjungen an die Engländer verkauft hatte, die sie wiederum dazu zwangen, gegen Washingtons Truppen zu kämpfen. In our revolutionary war… begann Allen, als Peter wissen wollte, worum es ginge.

Es waren erst wenige Leute in der Ingenieur-Schule, als sie mit dem Sound Check begannen, indem sie einfach ein paar Lieder spielten. Es war von Anfang an eine entspannte Atmosphäre … von Allen vertonte Gedichte von William Blake, Farmsongs von Peter, Gedichte von beiden, die sie mit viel Körperbewegung vortrugen; ein Song von Stephen – dessen schöne hohe Stimme du hören musst – dazu spielte er Gitarre, mit der er auch die Beiden bei ihren Liedern begleitete. Father Death Blues für Allens Vater. Wir sprachen über den Heart Beat – The Tyger von Blake:

Tyger Tyger, burning bright,

In the forests of the night:

What immortal hand or eye.

Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies.

Burnt the fire of thine eyes?

On what wings dare he aspire?

What the hand, dare sieze the fire?

And what shoulder, & what art,

Could twist the sinews of thy heart?

And when thy heart began to beat,

What dread hand? & what dread feet?

What the hammer? what the chain,

In what furnace was thy brain?

What the anvil? What dread grasp.

Dare its deadly terrors clasp:

When the stars threw down their spears

And watered heaven with their tears:

Did he smile his work to see?

Did he who made the Lamb make thee?

Tyger Tyger burning bright,

In the forests of the night:

What immortal hand or eye,

Dare frame thy fearful symmetry?

Plutonian Ode und Sunflower Sutra von Allen, My Pretty Rose Tree von Blake, weil Reinhard Giese aus dem Schweger Moor es gerne hören wollte.

Schon bei der Begrüßung wurde Allen vom einem der Veranstalter gebeten, nach der Show zur Zentralverwaltung am Möncheberg zu kommen. Studenten, die bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen einforderten, hatten diese besetzt.

Yes i will come and do a sitting meditation practice to calm down the situation.

Dorthin sind sie kurz nach dem Auftritt verschwunden. Wir, Uwe, Klaus, Udo, Marion und wer weiß noch alles fuhren in Autos hinterher. Und auf diesem ehemaligen Fabrikgelände, wo jetzt ein Teil der Kasseler Gesamthochschule untergebracht ist, war vor einem Hauseingang eine Menschenmenge, und wir hörten beim Näherkommen: AAAAAAHHH AAAAAHHH. Peter und Allen, mit seinem kleinen Harmonium den Grundton haltend, sangen einfach ihrem Atem folgend, und viele junge Leute folgten ihrem Beispiel. Das Haus war von Studenten besetzt, und die  Stimmung war daher gereizt, weil der Hausmeister den Eingang geschlossen hatte. Aus allen Fenstern dieses hell erleuchteten Hauses guckten und riefen Leute, und es gab großen Beifall, wenn es jemandem gelang, über eine Leiter, die aber zu kurz war, mit Hilfe der Besetzer in eines der Fenster einzusteigen. Nach einer halben Stunde des Singens standen Peter und Allen von den nasskalten Treppenstufen auf. Und wir fuhren zurück in den Kirchweg 51, wo sich jetzt mittlerweile eine Menge junger Leute versammelt hatten. Bier und Shit, und viel Reden, kreuz und quer durch den Raum. Ich trank nur viel Bier, obwohl Allen mir eine Fuhre Haschisch ins Gesicht blies, lachend, und ich husten musste. Er schaute sich mein Büchelchen an. It’s good. Free and open form. Dabei kamen wir auf William Carlos Williams und sein großes Gedicht Paterson zu sprechen, was uns den Bogen wieder zu den verkauften Hessen schlagen ließ. Desertierte hessische Soldaten siedelten in der Nähe von Allens Geburtsstadt Paterson. Er war hocherfreut, dass ich etwas darüber wusste. Und wie es dann so kommt: Kerouac. Ich fragte ihn warum San Francisco Blues und Poems All Sizes noch nicht veröffentlicht worden sind. Because his familiy is dumb.

O in dieser Dizzy Atmosphere rief dann noch Michael aus Hamburg an, bekam Allen ans Telefon, und andere hingen sich noch dran. Hin und her ging es. Musik und Poesie. Das Fenster musste aufgemacht werden wegen des dicken Qualms.

Zu sechst oder siebt fuhren wir in zwei VWs zur Standuhr, aßen und tranken dort, und unterhielten uns weiter. Aber den größten Teil der Unterhaltung bestritt Klaus mit Allen allein, fragte ihn über W. S. Burroughs aus. Ich hatte gleich zwei Bier vor mir stehen. Peter blieb in Udos Wohnung um zu schlafen. Gegen halb vier Morgens fuhr Jürgen Stephen & Allen nachhause. Uwe, Marion, Klaus, Udo und ich gingen noch in eine andere Kneipe, waren ziemlich blau und schließlich geschafft. Auf dem Nachhauseweg klauten Udo & ich einen herrlichen Weihnachtsbaum, den wir in der Küche aufstellten, wo ich auf der Sitzbank einschlief.

2

Detlef war schon lange bei der Arbeit, seiner Schreinerlehre, als mich die Mädchen und Jungen weckten, die zur Schule oder zur Uni mussten. Ich trank Kaffee mit ihnen. Schrieb, als sie weg waren ein Gedicht auf dem Balkon, sah die Straßenbahnen auf der Wilhelmshöher Allee, hörte die ganzen Geräusche, Bauarbeiter bauten nebenan ein Haus.

Allen tauchte mal kurz in seinem gelb-orangen Schlafanzug auf und trank kalte Milch aus dem Kühlschrank. Kurz darauf Peter, der sich Tee kochte. Is Allen still sleeping? – Yeah, till 10.30 – Good, I will meditate for’n hour.

Ich ging in den langen Flur, nahm das Telefon, lehnte mich mit dem Rücken an eine Leiter, oder setzte mich irgendwie hin, und blickte ein kitschiges Bild mit einem Schiff an, und probierte Heilwig in Hamburg zu erklären, in welche Richtung die Wellen rollten, bis Michael ans Telefon kam, genauso übernächtigt und verkatert wie ich, und alles war in Butter.

Gegen 10 Uhr kam ein Junge vom ASTA mit 1000 Mark, die fehlenden 150 zu den eingenommenen 850 musste die Werkstatt drauflegen, weil doch nicht soviel Publikum gekommen war.

Nach und nach kamen sie einer nach dem Anderen aus den Zimmern und es wurde gefrühstückt. Allen wollte von dem Jungen mit den 1000 DM alles erfahren, was in der vergangenen Nacht in der besetzten Zentralverwaltung noch passiert war. Die Besetzer hatten dort übernachtet, es kam zu keinen Auseinandersetzungen.

Peter kochte Eier. Und Allen & ich unterhielten uns über Van Gogh, der über seine Bilder und sein Leben alles seinem Bruder in Briefen geschrieben hatte. Gute Prosa.

Ich erwähnte, dass Rembrandt-Gemälde im Schloss Wilhelmshöhe zu sehen sind. Und die Drei waren gleich Feuer und Flamme und wollten sie unbedingt sehen. Ich meinte, das würde mich nicht so interessieren, würde lieber mit ihnen im Park spazieren gehen. You only want to look in your own face? fragte mich daraufhin Allen, ernst.

Wir beratschlagten, wie lange wir bis zum Schloss brauchten und zum Herkules, den sie auch näher angucken wollten, denn kurz nach 16 Uhr fuhr ja ihr Zug. Peter wusch sein Geschirr ab. Die Frage war noch, ob man was zum Überziehen brauchte, weil es nach Regen aussah. Dann fuhren wir zum Schloss.

Mit Hallo und schnellen intensiven Blicken auf die Bilder ging es durch das Stockwerk mit den  Rembrandts. Udo wollte jedes Bild erklären. Allen war begeistert, interessierte sich für die kleinen Selbstporträts, besonders aber berührte ihn dessen Altersbildnis.

Vor den Gemälden mit Stillleben wurden alle Früchte und Tiere unter die Lupe genommen. This is an artichoke – how do you call it in German? usw. Ein Fasan fixierte uns mit seinen Punktaugen. Stephen lachte sich kaputt: That guy over there looks like Gregory (Corso)! – Did you ever fucked a fat woman? fragte Peter Udo & mich. No. Yes.

Auf einem Bild verdeckte ein Vorhang die halbe Szene, wie im Theater. Yeah that is true. Jacob blesses the wrong child because he is blind.

An Franz Hals war nur von Interesse: What ist a S c h l a p p h u t? Udo brach sich einen ab, das zu erklären.

Als wir wieder aus dem Schloss traten, sahen wir den Park in seinen Winterfarben, und die  Löwenburg, The Tiny Castle, das wir in Udos Küche durch undeutliche Aussprache mit Kassel durcheinander brachten. Es war leider keine Zeit mehr für einen Spaziergang. Ich fuhr die Drei zur Löwenburg, die wir uns aus dem VW anguckten. Allen: A good place to take LSD. Klaus & Udo sollten in die Stadt zurückfahren, um etwas zur Abreise der Beats zu organisieren. So fuhren wir zu viert durch den Wald hoch zum Kaskaden-Restaurant. Stiegen aus und gingen durch einen Wolkenschleier die paar Schritte. In einer unheimlichen Winterklarheit erhob sich nun vor uns das riesige Monument der Geschmacklosigkeit. Stephen ging zu dem Münz-Fernrohr, das sich auf dem freien Platz vor dem Neptun-Becken befand, guckte hindurch Richtung Stadt, ha I see somebody, schwenkte es zum Herkules, da war der Groschen alle. Peter wirft einen neuen ein. Ouh, Herkules‘ cock! Lässt das Fernrohr genau in dieser Position, winkt Allen heran, und der sieht durch, und KLICK. Dreht sich um, macht eine Armbewegung zum Kies hin, und geht zurück zum Auto.

Auf dem Rückweg fuhren wir noch einmal an der Löwenburg vorbei, ich ließ den VW rollen. Laub wirbelte in Rot- und Brauntönen auf, und ich dachte, wie bei einer Kutschfahrt, und hörte Allen sagen, like a stage coach…

Als ich beim Abschiednehmen bemerkte, dass sie nur die Sonnenseite der Stadt gesehen hätten, aber nicht das Industriegebiet, antwortete Allen: We saw it from the train.

Peer Schröder

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Planet Kassel

Ein Text  von Jean-Boskja Missler
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am weihnachtsabend schaute christoph in die schneekugel und entdeckte einen mann auf einem gebäude der sich auf eine keule stützt und zu weinen schien. er wischte sich die schneeflocken von den augen, denn es herrschte ein dichtes schneetreiben. christoph schüttelt die kugel aufs neue und ärgerte den kleinen mann in der kleinen kugel, die wie der erdball belebt war. alles was dort lebte war in die kugel gebannt und winzig geworden. die abhänge mit den stufen und den herabstürzenden wasser vom karlsberg waren dort zu sehen, wie von ferne, und doch deutlicher. alles war fein bemalt und von den träumen, die sich einmischten noch lebendiger, noch schöner geschmückt, wenn denn christoph die hände still hielt und die kugel nicht schüttelte. christoph war der junge, den seine mutter, die einsame peggy, über alles liebte. einsam, weil sie sehnlich auf ihren geliebten wartete. es waren fünf jahre vergangen. sie hatte einen jungen zur welt gebracht. es war das kind einer liebesnacht in einem kleinem unfreundlichen raum. das bett war schäbig, die tapeten schienen voller gespenster, als der mond auf sie schien.
doch die liebenden schaukelten im knarrenden kahn und trieben an den bleichwiesen vorbei. eine eule rief. füchse bellten heiser zurück. der mann hatte seine tweedhose auf die erde fallen lassen und umarmte peggy . er schloss sie fest in seine arme. als er kassel verlies, das war an einem trüben herbsttag, versprach er, weihnachten bin ich zurück. morgen ist nun schon wieder weihnachten und christoph, ihrer beider sohn, schaute entzückt in die schneekugel, so wie er es letztes jahr und davor das jahr getan hatte. eben kam peggy herein und blieb stehen, einen moment und länger, sie wollte ihn nicht stören, der moment schien ihr so kostbar, das sie stillhielt und noch nicht sprach. endlich schien es möglich. christoph, sprach sie ihn an, christoph möchtest du mit mir aus dem fenster schauen. christoph blickt auf und sah die glänzenden feuchten augen seiner mutter, die auf ihn schienen wie das sanfte lichte des mondes, aus jener nacht , da er gezeugt wurde. ja, mama, rief er und streckte die arme in die höhe, um sich aufheben zu lassen von peggy, die sich flugs bückte, den jungen emporhob, so das er glaubte zu fliegen, dabei jauchzte und am busen zur ruhe kam, eingeschlossen in ihre warme brust und gestreichelt, behütet an ihrer brust ruhte. sie setze ihn sanft mit seinen füssen auf die fensterbank ab, hielt ihn umarmt und sie schauten gemeinsam hinab auf die strasse die dort zugedeckt unterm schnee lag, die friedenstrasse.
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Hörspiel von Roswitha Quadflieg

Das neue Hörspiel von Roswitha Quadflieg DER GLÜCKLICHE,
(entwickelt aus ihrem Roman zu zehn Stimmen)
wird im November 2012 – als Koproduktion von Radio Bremen und WDR –
urgesendet:

Dienstag, den 6. November auf WDR 5 um 20:05 Uhr
Freitag, den 30. November auf Radio Bremen/Nordwestradio um 19:05 Uhr
(via Internet überall zu hören)

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/hoerspiel/kalender126_date-20121130.html

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http://www.roswithaquadflieg.de/

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Kenneth Millar

Written by Christopher Fowler

That name won’t ring a bell, so try this: Ross Macdonald. Born in California in 1915 and raised in Canada, Kenneth Millar passed through a number of homes, and the troubles he experienced during these Dickensian shifts eventually made their way into his fiction.

A recurring theme in this column is the implementation of Malcolm Gladwell’s „10,000 hour rule“. Writers such as Millar honed their craft by putting in a huge amount of work before their first big hit, often writing for the numerous pulp magazines that existed at the time. He married Margaret Sturm, a doyenne of the surprise-twist psychological suspense thriller, but his literary interests lay elsewhere. A great admirer of Raymond Chandler and Dashiell Hammett, Millar chose a pseudonym to distance his writing from his wife’s, then created the divorced former cop turned tough-guy private detective Lew Archer by amalgamating the name from Miles Archer, Sam Spade’s partner, and Lew Wallace, the author of Ben-Hur. His first short story featuring Archer appeared just after the war, and full-length novels arrived three years later.

What differentiated Millar’s writing from the usual hard-boiled noir of the period was his addition of psychological insight, often following mythic Greek themes. He felt that much genre fiction failed to reflect life as he experienced it, and sought to create new empathies. By burying problems in the early lives of his characters, he could allow these to surface and affect his characters‘ destinies. As a result, his work had far more resonance than most noirs of the post-war period. The Chill is probably his most powerful and surprising novel.

Millar brought compassionate understanding to the private eye genre, but for a while he continued to follow Chandler’s tradition (not that the threatened Chandler cared for this homage). His seventh Archer novel, The Doomsters, was grander in scope than Chandler’s work, and was followed by The Galton Case, a thinly veiled Oedipal version of his own difficult life as a young man. Millar’s reputation grew beyond the perceived limitations of the hard-boiled crime genre until he became regarded as a major American writer. Two of his Lew Archer stories were filmed with Paul Newman. Millar stated: „I see plot as a vehicle for meaning.“ His work, though sometimes flawed and over-complex, influenced a new generation of crime writers including John Connolly, but the Macdonald name-tag stubbornly remained on the secondhand stalls. Now Penguin has reissued the best volumes.

Quelle:

http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/features/invisible-ink-no-139-kenneth-millar-8100579.html

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Das Absurde ist real, das Reale absurd

Becketts „Watt“ zum Auftakt des Edinburgh International Festival

Von Ulrich Fischer

Beim International Festival in Edinburgh standen früher europäische Produktionen im Fokus, nun kommen die Gastspiele aus der ganzen Welt. Festivalleiter Jonathan Mills, ein Komponist aus Australien, richtet seinen Blick häufig auch auf Ostasien.

Zum Auftakt des Edinburgh International Festivals treten Gäste aus Dublin im Schauspielteil mit einer Dramatisierung von Samuel Becketts Roman „Watt“ auf. Der Ire schrieb seine Satire im französischen Exil, in den Vierzigerjahren.

„Watt“ war so brisant, dass der Roman in Irland erst 1953 erscheinen durfte – dabei geht es, oberflächlich betrachtet, um eine völlig alltägliche und harmlose Geschichte. „Watt“, der Romanheld, bricht eines Tages auf und landet im Haus von Mr. Knott. Er dient ihm, zunächst im Erdgeschoss des Herrenhauses, dann im ersten Stock, und verlässt das Haus von Mr. Knott nach einer gewissen Zeit wieder – er fährt ab.

Der Roman hat im Deutschen über 250 Seiten, in der Fassung des Gate Theatres aus Dublin dauert die Dramatisierung nicht einmal eine Stunde. Barry McGovern schreibt in einer kurzen Einführung im Programmheft, er habe sich bei seiner Fassung darum bemüht, die Essenz des Romans herauszudestillieren. McGovern spielt auch – ja, wen eigentlich? Im Programmheft heißt es, den Performer, den Darsteller also. Also nicht Watt, nicht Beckett, eigentlich den Erzähler des Romans.

McGovern ist ein rüstiger 60er, schlank, er sieht blendend aus. Seine Physiognomie ähnelt ein wenig Samuel Beckett, die Haare sind angegraut, nach hinten gekämmt, und die drahtigen Augenbrauen nach oben gezwirbelt. Das gibt ihm jenen Raubvogelblick, der Beckett kennzeichnete und seinen Scharfsinn treffend andeutete.
Den ganzen Text nebst einer Möglichkeit zum Nachhören gibt es hier:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1837835/

Der Hörbeitrag enthält noch weitere Informationen:

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/08/11/drk_20120811_2313_fe4f42a1.mp3

Gate Theatre Production of ‚WATT‘ by SAMUEL BECKETT at the 2012 Edinburgh International Festival

Texts from the novel selected by Barry McGovern.

The Gate Theatre is delighted to announce that ‘Watt’ by Samuel Beckett will be playing at the Edinburgh International Festival this August. After its World Premiere as part of the Beckett Pinter Mamet Festival in Dublin in 2010, ‘Watt’ was invited to the prestigious Under the Radar Festival in New York in January 2011. With the support of Culture Ireland, the production went on to tour to four cities across the United States in October and November as part of the Imagine Ireland season of Irish arts in America in 2011, to great critical acclaim.

‘full of comic surprises’

San Francisco Chronicle

‘Seeing the work of Samuel Beckett performed by Dublin’s Gate Theatre company is akin to seeing Gilbert & Sullivan performed by D’Oyly Cart, hearing Wagner at the Bayreuth Festival, or seeing Shakespeare performed at the Globe Theatre. It’s a chance to experience the work of art in its natural habitat, performed by the people who care about it the most.’
Detroit Theater Examiner

‘I got an almost delirious joy from hearing, and seeing, an hour-long distillation of Beckett’s novel… explosively funny.’
The Guardian

Quelle:

http://gatetheatre./WATTbySAMUELBECKETTEdinburghInternationalFestival<

Siehe auch hier:

http://www.eif.co.uk/watt

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Programm-Hinweis: Woyzeck als Hörspiel

Sonntag, 29.07.2012, 18.20 Uhr, SWR2 Hörspiel am Sonntag

Woyzeck
Nach dem dramatischen Fragment  von Georg Büchner
Musik: Henrik Albrecht
Hörspieleinrichtung und Regie: Leonhard Koppelmann
Produktion: SWR/Argon Verlag 2006
Länge: 71 Minuten

”Weißt Du auch, dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können?” Büchner stellt diese Frage in seinem Lustspiel “Leonce und Lena” und hat mit Woyzeck genau einen solchen “Geringsten” geschaffen. Woyzeck, Soldat und Barbier, wird von seinem Hauptmann gedemütigt, vom Doktor für ein “wissenschaftliches Experiment” missbraucht. Er tut es für Geld, das er Marie bringt, die ein Kind von ihm hat. Woyzeck ist eifersüchtig auf den Tambourmajor, mit dem Marie ihn betrogen hat. Verstört und einsam ersticht Woyzeck seine geliebte Marie, und mit Marie hat er sich am Ende selbst getötet.

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